Maß ist eine Tugend. Und wie alle Tugenden, ist sie mit Überwindung verbunden. Ich kenne keine Tugend, die im Hedonismus beheimatet ist. „Maßlos“ ist eine Eigenschaft für Weicheier oder Fanatiker. Der Polizeichef von Genf war maßlos, als er zwanzig Mann gegen den Sohn Ghedaffis ausrücken ließ, weil dieser nach guter Familiensitte seine Diener verprügelte. Dies geschah wohl jeden Tag und überall, wo sich dieser Hannibal aufhielt. Doch der Polizeichef wollte das Tyrannensöhnchen, und indirekt auch seinen Erzieher, darüber belehren, was Recht und Ordnung ist. An Maß hat es ihm dabei gefehlt. Die Rechnung für seine blinde Sturheit müssen andere bezahlen.
Die Polizei ist ab und zu maßlos in Ordnung verliebt. Die Geschichte, die sich in Fresno, Kalifornien 2005 abgespielt hatte, könnte auch in Genf passiert sein. Ein neunjähriger Junge bewarf ein elfjähriges Mädchen mit einem Wasserballon. Dieses reagierte, warf einen Stein nach dem Buben und besorgte diesem eine Schramme. Die Wunde wurde genäht und diente ihm als Kriegsabzeichen wie für tausende anderer Buben in diesem Alter. Doch da schritt die Polizei eine. Drei Einsatzwagen und ein Helikopter wurden an den Tatort aufgeboten. Das Mädchen wurde verhaftet und sollte vor Gericht gestellt werden. Es wurde wie eine Schwerverbrecherin behandelt, sagte der Anwalt der Angeklagten, Maribel Cuevas aus. (Neue Zürcher Zeitung, 19. Juli 2005).
Die heldenhaften Taten der Ordnungshüter sorgen dafür, dass die Steuergelder für maßlose Dummheiten eingesetzt werden.
Freitag, 2. April 2010
Montag, 29. März 2010
WIE HABAKUK DIE WELT ERLEBTE 12
Ich setzte nach Afrika über, mein lieber Onkel Habakuk und zog gegen Süden. Je südlicher ich kam, desto wärmer wurde es, bis es schließlich so heiß und üppig war, dass meine Eselin Ruhla ihr Los zu verfluchen begann. Sie wollte lieber Polaresel sein, entnahm ich der Klage in ihrem keuchenden Atem. Nach beschwerlichen Tagen gelangte ich zu den Buschnegern, die dort wohnen, wo der Äquator wie ein roter Strich durch die Wüste verläuft. Ich ließ meine Eselin im Schatten eines totgehungerten Löwen zurück und begab mich in die Oase. Die Buschneger, die ich hier antraf, waren so schwarz wie die Nacht, sodass sie selbst beim grellen Sonnenlicht nur wie Schatten aussahen. Sie waren dermaßen dunkel, dass selbst sie sich voreinander fürchteten. Deshalb bemalten sie sich mit kunterbunten Farben, grün, gelb und rot und steckten sich prächtige Feder von Pfauen und Riesenpapageien in die Haare. Geschminkt sahen sie etwas weniger furchterregend aus.
Als sie mich erblickten, wollen sie mich gleich zum Mittagsmahl verspeisen, weil sie meinten, dadurch könnten sie auch schön weiß werden, wie ich. Sie setzten mich also in den Kochtopf und befahlen dem Magier, mich zuzubereiten. Dies aber ging nach folgendem Rezept: das Gericht (in diesem Fall ich selbst) wird in eine große Holzpfanne gelegt, die Holzpfanne aber aufs Feuer. (Hier kennt man keine Eisenpfannen). Die Kochzeit beträgt eine halbe Pfannenbrandlänge.
Ich sah, dass diesmal die letzte Etappe meiner Reise in dieser Welt erreicht war und bat die Buschneger, dir lieber Onkel eine Todesanzeige schicken zu dürfen. Diese willigten ein. Ich ging also meine Eselin holen, da sich mein Schreibzeug in der Reisetasche befand. Das war aber meine Rettung. Als ich nämlich mit der guten Ruhla zurückkehrte, sind meine Gastgeber außer sich geraten. Sie stürzten sich auf das Tier, umtanzten es, streichelten es, betasteten seinen Hintern und bestaunten es. Um mich kümmerten sie sich nicht mehr. Ich nahm an, sie würden an meiner Statt die Eselin kochen wollen und verschwand unbemerkt. Ich kam aber nicht weit, da stieß ich auf die Negerfrauen, die gerade beim Holzfällen waren. Sie arbeiteten hart, schleppten riesige Stämme und schwere Reisigbündel und stöhnten unter der Last. Denn dies habe ich dir noch nicht gesagt: die Buschmänner rührten nichts an. „Uru-Bukra, der große Geist, erklärte mir später der Häuptling, schuf den Mann nach seinem Bild. Weil aber Uru-Bukra schön ist, ist der Mann schön. Arbeit macht hässlich. Darum schickt Uru-Bukra dem Mann die Frau. Die Frau ist nicht schön, sie arbeitet.“
Während ich den schwarzen Frauen zusah, (sie hatten sehr-sehr wenig Kleider an und waren übrigens gar nicht so unschön, wie dies der Häuptling behauptet hatte), bemerkte ich nicht, dass mich die Männer eingekreist hatten. „Also doch“, dachte ich. Ich fand es demütigend, mit der Eselin im gleichen Topf gekocht zu werden, doch was konnte ich schon tun?
„Komm, komm“, rief der Häuptling aufgeregt und fuchtelte mich den Händen. Ich wolle weglaufen, doch sie umzingelten mich und beschworen mich, ins Dorf zu kommen. „Schnell“, sagte der Häuptling eindringlich. „Deine Frau ruft nach dir.“ Da hörte ich aus der Ferne meine Eselin brüllen: iiaaah, iiaaah. Zuerst war ich sehr verblüfft, doch dann verstand ich plötzlich den Sinn dieser wirren Worte. Die Folgerung der Männer war logisch: bei ihnen arbeiteten nur die Frauen. Da meine Eselin die Reisesäcke schleppte, musste sie nach ihrer Auffassung meine Frau sein.
Du wirst aber sehen, lieber Onkel Habakuk, eine solche Einstellung der Männer bleibt nicht ungestraft. Es wird mit uns ein schlechtes Ende nehmen. Die Zeit kommt, wo sich alles umkehren wird. Da werden sich die Frauen mit Farben bemalen und sich bunt schmücken, während die Männer arbeiten werden. Sollte einer in ferner Zukunft Haushaltsmaschinen erfinden, dann wird die unerfahrene Frau beim Anblick des Geschirrspülers die Besitzerin fragen: ist das hier dein Mann?
Als sie mich erblickten, wollen sie mich gleich zum Mittagsmahl verspeisen, weil sie meinten, dadurch könnten sie auch schön weiß werden, wie ich. Sie setzten mich also in den Kochtopf und befahlen dem Magier, mich zuzubereiten. Dies aber ging nach folgendem Rezept: das Gericht (in diesem Fall ich selbst) wird in eine große Holzpfanne gelegt, die Holzpfanne aber aufs Feuer. (Hier kennt man keine Eisenpfannen). Die Kochzeit beträgt eine halbe Pfannenbrandlänge.
Ich sah, dass diesmal die letzte Etappe meiner Reise in dieser Welt erreicht war und bat die Buschneger, dir lieber Onkel eine Todesanzeige schicken zu dürfen. Diese willigten ein. Ich ging also meine Eselin holen, da sich mein Schreibzeug in der Reisetasche befand. Das war aber meine Rettung. Als ich nämlich mit der guten Ruhla zurückkehrte, sind meine Gastgeber außer sich geraten. Sie stürzten sich auf das Tier, umtanzten es, streichelten es, betasteten seinen Hintern und bestaunten es. Um mich kümmerten sie sich nicht mehr. Ich nahm an, sie würden an meiner Statt die Eselin kochen wollen und verschwand unbemerkt. Ich kam aber nicht weit, da stieß ich auf die Negerfrauen, die gerade beim Holzfällen waren. Sie arbeiteten hart, schleppten riesige Stämme und schwere Reisigbündel und stöhnten unter der Last. Denn dies habe ich dir noch nicht gesagt: die Buschmänner rührten nichts an. „Uru-Bukra, der große Geist, erklärte mir später der Häuptling, schuf den Mann nach seinem Bild. Weil aber Uru-Bukra schön ist, ist der Mann schön. Arbeit macht hässlich. Darum schickt Uru-Bukra dem Mann die Frau. Die Frau ist nicht schön, sie arbeitet.“
Während ich den schwarzen Frauen zusah, (sie hatten sehr-sehr wenig Kleider an und waren übrigens gar nicht so unschön, wie dies der Häuptling behauptet hatte), bemerkte ich nicht, dass mich die Männer eingekreist hatten. „Also doch“, dachte ich. Ich fand es demütigend, mit der Eselin im gleichen Topf gekocht zu werden, doch was konnte ich schon tun?
„Komm, komm“, rief der Häuptling aufgeregt und fuchtelte mich den Händen. Ich wolle weglaufen, doch sie umzingelten mich und beschworen mich, ins Dorf zu kommen. „Schnell“, sagte der Häuptling eindringlich. „Deine Frau ruft nach dir.“ Da hörte ich aus der Ferne meine Eselin brüllen: iiaaah, iiaaah. Zuerst war ich sehr verblüfft, doch dann verstand ich plötzlich den Sinn dieser wirren Worte. Die Folgerung der Männer war logisch: bei ihnen arbeiteten nur die Frauen. Da meine Eselin die Reisesäcke schleppte, musste sie nach ihrer Auffassung meine Frau sein.
Du wirst aber sehen, lieber Onkel Habakuk, eine solche Einstellung der Männer bleibt nicht ungestraft. Es wird mit uns ein schlechtes Ende nehmen. Die Zeit kommt, wo sich alles umkehren wird. Da werden sich die Frauen mit Farben bemalen und sich bunt schmücken, während die Männer arbeiten werden. Sollte einer in ferner Zukunft Haushaltsmaschinen erfinden, dann wird die unerfahrene Frau beim Anblick des Geschirrspülers die Besitzerin fragen: ist das hier dein Mann?
Donnerstag, 25. März 2010
LASSET DIE KINDLEIN ZU MIR KOMMEN!
Die zahllosen Enthüllungen sexueller Übergriffe auf Kinder, die während der letzten Wochen die Medien beherrschen, haben hitzige Diskussionen entfacht. Richtig so. Man kann nicht ernst genug mit den Pädophilen ins Gericht gehen. Üblicherweise geschahen die Verfehlungen im Verborgenen und wurden nach gewohnter Art von der katholischen Kirche vertuscht. Die Nachfolger Jesu haben wohl seine Absicht falsch verstanden, als er sagte: „lasset die Kindlein zu mir kommen“ (Markus 10,14).
Die Plage des Kindsmissbrauchs scheint jedoch nicht nur in den Kirchenkreisen zu wüten. Meine Verblüffung war groß, als ich folgende Geschichte in einem Zeitungsbericht entdeckt habe.
In Pakistan wurde ein vierjähriges Mädchen zwangsverheiratet. Ganz ungewöhnlich scheint dies auf den ersten Blick nicht zu sein, denn in manch einer Kultur herrschte die Sitte der Kinderehen. Doch um das geht es in unserem Fall nicht. Das Kind wurde mit einem 45-jährigen Mann getraut. Aus Sühne für ein Vergehen seines Onkels. Dieser war mit der Nichte des Bräutigams durchgebrannt, eine alltägliche Geschichte, die immer und überall in der Welt vorkommt. Doch das Stammesgericht der Ortschaft befand, der Onkel müsse bestraft werden. Es legte ihm eine Geldstrafe von umgerechnet 4200 Franken auf und forderte von ihm, dem Kläger ein junges Mädchen aus seiner Familie zu überlassen. Wie jung? Ich frage mich, wie lange wohl der Ehemann mit der Ausübung seiner Rechte zuwarten wollte?
Zum Glück des Mädchens wurden Menschenrechtsaktivisten auf den Fall aufmerksam und konnten den ganzen Klan, der an diesem Handel beteiligt war, verhaften lassen. (Neue Zürcher Zeitung, 10./11 Februar 2007).
Die Plage des Kindsmissbrauchs scheint jedoch nicht nur in den Kirchenkreisen zu wüten. Meine Verblüffung war groß, als ich folgende Geschichte in einem Zeitungsbericht entdeckt habe.
In Pakistan wurde ein vierjähriges Mädchen zwangsverheiratet. Ganz ungewöhnlich scheint dies auf den ersten Blick nicht zu sein, denn in manch einer Kultur herrschte die Sitte der Kinderehen. Doch um das geht es in unserem Fall nicht. Das Kind wurde mit einem 45-jährigen Mann getraut. Aus Sühne für ein Vergehen seines Onkels. Dieser war mit der Nichte des Bräutigams durchgebrannt, eine alltägliche Geschichte, die immer und überall in der Welt vorkommt. Doch das Stammesgericht der Ortschaft befand, der Onkel müsse bestraft werden. Es legte ihm eine Geldstrafe von umgerechnet 4200 Franken auf und forderte von ihm, dem Kläger ein junges Mädchen aus seiner Familie zu überlassen. Wie jung? Ich frage mich, wie lange wohl der Ehemann mit der Ausübung seiner Rechte zuwarten wollte?
Zum Glück des Mädchens wurden Menschenrechtsaktivisten auf den Fall aufmerksam und konnten den ganzen Klan, der an diesem Handel beteiligt war, verhaften lassen. (Neue Zürcher Zeitung, 10./11 Februar 2007).
Montag, 22. März 2010
EINSICHTEN DES KESSELFLICKERS
Als Tom Hyde, der Kesselflicker, unter dem Galgen stand, wurde er gefragt, ob er noch etwas zu sagen habe. Seine letzten Worte waren: „Sagt den Schneidern, sie sollen nicht vergessen, einen Knoten in den Faden zu machen, bevor sie den ersten Stich tun.“ (Henry D. Thoreau, Walden, Manesse. S. 460)
Es ist eigentlich überraschend, was man nicht alles einem Henker abschauen kann.
Es ist eigentlich überraschend, was man nicht alles einem Henker abschauen kann.
Samstag, 20. März 2010
EIN NETTER KERL
Man hat heute für alle Verfehlungen Verständnis. Für randalierende Jugendliche, denn sie sind „die Armen“, für verbrecherische Asylbewerber, denn sie sind „die Verfolgten“, für pädophile Priester, denn sie sind „die Frustrierten“, für mörderische Kampfhunde, denn sie sind „ja nur Tiere“, für Amokläufer, denn „sie wissen nicht, was sie tun“. So liegt es auf der Hand, dass auch Schläger ihre Verteidiger finden. Ein spanischer Richter hat nämlich einen Schläger freigesprochen, der seinen Vorgesetzten verprügelte. Daraufhin wurde ihm vom Chef gekündigt. Der arme Untergebene klagte und der Richter fand, dass seine Tat „nicht schwerwiegend genug ist, um ein Motiv für die Entlassung darzustellen.“ (Corriere del Ticiono, 17. März, 2010)
Ich wünsche diesem Richter, dass er von einem Assessor richtig durchgeprügelt wird, damit er sein Einfühlungsvermögen an sich selbst unter Beweis stellen kann.
Ich wünsche diesem Richter, dass er von einem Assessor richtig durchgeprügelt wird, damit er sein Einfühlungsvermögen an sich selbst unter Beweis stellen kann.
Mittwoch, 17. März 2010
MARK-ant
Wenn wir über jemanden umlernen müssen, so rechnen wir ihm die Unbequemlichkeit hart an, die er uns damit macht. (F. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Art. 125)
Donnerstag, 11. März 2010
WAS MAN FÜR GÖTTER ALLES TUN MUSS
Die sozialen Schikanen, denen die Frauen in der Geschichte oft ausgesetzt waren und heute noch sind, haben mannigfaltige Formen angenommen. Herodot berichtet von einer Pflicht, die die Assyrer ihren Frauen aufgebürdet hatten. Jedes Weib des Landes müsse in seiner Lebenszeit einmal ins Heiligtum der Mylitta wandern (so hieß bei ihnen die Göttin Aphrodite) und sich dort irgendeinem fremden Manne preisgeben, berichtet er. Die Vorschrift sah vor, dass eine Frau, die sich einmal dort niedergesetzt hatte, solange nicht nach Hause gehen durfte, bis einer der Fremden ihr ein Geldstück in den Schoss geworfen und ihr danach außerhalb des Heiligtums beigewohnt hat. Das Geld erhielt die Göttin, die Freude der Fremde Mann und die Bescherung die Frau. Es wird auch erwähnt, dass die Schönen natürlich schon nach kurzer Zeit ihre skurrile Pflicht erfüllt hatten. Nicht so aber die armen Hässlichen. Einige mussten viele Jahre auf die Erlösung warten und hatten wohl die Launen der Göttin im Herzen verflucht. (Vgl. Herodot, Historien, Bd.1/199, Übers. A Horneffer, Kroener). In dieser Gegend hat man bis heute nicht verstanden, dass die stärkeren Muskeln der Männer noch lange kein Beweis für ihre umfassende Überlegenheit ist.
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