Dienstag, 14. April 2009

NACHDENK-CORNER 1

Schon vor zweitausend fünfhundert Jahren gab es Denker, die erkannt hatten, dass Götter ein anthropomorphes Konstrukt sind. So meinte Xenophanes: Wenn die Ochsen und Rosse und Löwen Hände hätten oder malen könnten mit ihren Händen und Werke bilden wie die Menschen, so würden die Rosse rossähnliche, die Ochsen ochsenähnliche Göttergestalten malen und solche Körper bilden, wie jede Art gerade selbst ihre Form hätte. Und Lukrez fügte etwa ein halbes Jahrtausend später hinzu: Die Angst ist die erste Mutter der Götter. Die Angst vor dem Unbekannten. Dunkelheit, Naturgewalten, Tod, Krankheit, Leiden, Ausmasse des Universums, all diese Phänomene riefen Gott auf den Plan, der dafür herhalten musste, dass der Mensch für seine Frage keine Antworten fand. Doch der Mensch ist bekanntlich neugierig, ein suchendes Wesen. Er forschte auf allen Gebieten und fand immer mehr Antworten auf die geheimnisvollen Phänomene, die ihn umgaben. Gott musste nicht mehr für Blitz, Erdbeben, Überschwemmungen und Vulkanausbrüche bemüht werden. Die Gesetze der Natur wurden enthüllt, der „Lückenbüssergott“ immer stärker zurückgedrängt. Die Religionen versuchten sich dagegen anzustemmen. Wer nicht glauben wollte, musste daran glauben. Giftbecher, Scheiterhaufen, Verstümmelungen, Morde und im milderen Falle Vertreibungen sollten helfen, die „Ungläubigen“ zur Räson zu bringen. Oder zumindest die anderen davon abzuhalten, diesen verwegenen Gestalten zu folgen. Gott wurde zu jener Erfindung des Menschen, in dessen Namen er seinen Nächsten tötet. Doch die Bleibe des Lückenbüssergottes wurde immer enger. Verwegene Freidenken, nüchterne Wissenschafter, aufgeklärte Künstler wagten es immer mehr, ihn zu verdrängen. Alle, die um jeden Preis an den vom Menschen erschaffenen Gott glauben wollen, entgegneten, dass es noch genügend ungeklärte Fragen im Leben gibt, um Gott nicht den Arbeitsvertrag zu künden. Was sie allerdings nicht sagen können, warum Gott diese Fragen beantworten würde. Und wie. Beharrlich halten sie fest, dass sie auf jeden Fall recht haben. Der Glaube erweist sich als die Kunst, sich bei den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Für die Theologen bleibt er jedoch die Bastion, die ihre Stellung verteidigt. So hört man den Papst rufen, wie ein verwöhntes Kind nach seinem Spielzeug ruft: wir müssen ganz fest glauben, glauben, glauben. Warum, Herr Ratzinger? Etwas für wahr halten, weil die anderen behaupten, dass es von Gott kommt? Von welchem der vielen Götter? Meinem, seinem, ihrem? Und woher kommt Ihre Sicherheit? Vom Hörensagen, nicht wahr? Doch wenn man das „Gnade“ nennt, so bekommt die Sache eine völlig andere Dimension und muss mit heiliger Ehrfurcht umhegt werden. Und dazu gibt es noch jede Nostalgiker – Kreationisten werden sie genannt und hausen meistens in den USA – die alles Biblische sogar wörtlich glauben wollen. Für diese wird die Erde stets eine Scheibe bleiben.
„Die Audienz“, mein Buch, (erschienen beim Allitera Verlag, München) versucht den Leser aufzufordern, den archaischen Geschichten der Heiligen Schriften nachzudenken. Sündenfall, Erbsünde, Sintflut, die Leiden Hiobs, die Erlösung, das Letzte Gericht, Himmel und Hölle, Auferstehung und vieles andere mehr gehören in die Gedankenwelt verwirrter Geister und müssen hinterfragt werden. Wer Augen hat, der lese!

Kommentare:

  1. Da kann ich nur Boethius zitieren, der sagte: Wenn es Gott gibt, woher kommt das Böse? Doch woher kommt das Gute, wenn es ihn nicht gibt?

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  3. „Gut“ und „Böse“ sind psychische a prioris. Sie mögen aus dem steten Kampf ums Überleben entstammen was sichert ist „gut“, was bedroht ist „böse“. Und so werden sie zu Kriterien für das Über-Leben.
    Die Welt ist unter bestimmten Rücksichten „böse“. Dies rührt daher, dass einerseits alle Lebewesen fressen müssen, (und wen sonst, als andere Lebewesen?) und gleichzeitig sich alle verteidigen wollen. Der Konflikt ist unausweichlich. „Wenn ich dich nicht friss, so sterbe ich“, „wenn du mich frisst, dann sterbe eben ich“. Das Gesetz des Stärkeren ist eben, unter bestimmten Aspekten, „böse“. Der Mensch sah das ein und erschuf folglich gute und böse Götter. Die guten waren Behüter, die bösen Feinde. Als dann Gott im Monotheismus Alleinherrscher wurde, gab es für seinen Schöpfer, dem Menschen nur zwei Möglichkeiten. Entweder war Gott gut und böse zugleich, oder das Böse war nicht von Gott. Von wem denn? Der Fehlschlag der Schöpfung wurde dem Menschen in die Schuhe geschoben.

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  4. Ich weiss auch nicht, woher das Böse stammt. Es ist letztlich unerklärlich. Wir wissen auch nicht, warum etwas ist und nicht nichts, oder? (frei nach Wittgenstein)
    Nur analysieren hilft auch nichts, damit ist noch nichts Konkretes und Kulturelles aufgebaut und das Gesetz des Stärkeren durchbrochen. Darin hat jüdisch-christlicher Glaube seine Auswirkungen, denn er hat die Mythen entlarvt gemäss René Girard. Sonst würden wir noch in Hütten leben und dahinvegetieren...
    Vielleicht gibt es ja mal die Gelegenheit zu einer persönlichen Begegnung, ich wohne auch im Tessin!

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  5. Das Erbe der scholastischen Philosophie verleitet uns immer noch dazu, Gut und Böse als ontologische Grössen zu verstehen. Wissenschaftler wie Darwin oder Konrad Lorenz haben uns bessere Deutungsansätze geliefert. Die geschichtliche Leistung der jüdisch-christlichen Weltanschauung, die Mythen entlarvt zu haben, wird nicht bestritten. "Ewige" Wahrheiten liefern aber auch die Religionen nicht, ob jüdisch, christlich oder islamisch. Wir müssen uns wahrscheinlich damit abfinden, solche Wahrheiten nie zu entdecken.
    Zu einer persönlichen Begegnung bin ich gerne bereit. Geben Sie mir einen Wink.
    Übrigens: meine Webseite ist www.gaborlaczko.com

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  6. Da ich in den nächsten Wochen ortsabwesend bin, wird sich das leider noch etwas hinausschieben. Mein Blog lautet: www.flucco.blogspot.com

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