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Montag, 7. April 2014

Die Rache des Malers

„Die Sexualität ist vom Teufel“, meint die katholische Moraltheologie. Wohl gibt es Versuche, diese Einstellung durch aufgeklärt übertünchte Erklärungen zu verbergen, doch die manichäistische Erbschaft der Körperfeindlichkeit konnte trotz Verurteilung der Lehre Manis in der Kirche nie ausgerottet werden. Zumindest theoretisch nicht. In der Praxis wurde die geschlechtliche Aktivität der Kirchenfürsten, wie wir das hinlänglich aus der Geschichte kennen, munter ausgelebt. Doch dem Volk der Gläubigen bläute man die Sündhaftigkeit des Sexuellen ein. Es fehlt nicht an karnevalistisch anmutenden Episoden, welche uns diesbezüglich überliefert wurden. Während Jahrhunderten durften an der päpstlichen Universität in Rom Autopsien durch Studenten nur dann durchgeführt werden, wenn den Leichen vorher die Geschlechtsteile entfernt wurden. Michelangelo musste die harsche Kritik des Zeremonienmeisters von Papst Paul III., einem gewissen Biagio da Cesena über sich ergehen lassen, weil der Künstler die Körper auf seinem Fresko über das jüngste Gericht seiner Ansicht nach zu offensichtlich verherrlicht hatte. Dieses Werk wäre eher als Wandschmuck für eine Kneipe als für eine päpstliche Kapelle geeignet gewesen. Michelangelo rächte sich elegant. Er verlieh einer Gestalt aus der Schar der Verdammten die Gesichtszüge von Biagio da Cesena. Der Zeremonienmeister war erzürnt und ersuchte den Papst, das Portrait entfernen zu lassen. Doch der Papst war geistreicher als sein Liturgiechef. Nicht einmal ein Papst vermöge eine Seele aus der Hölle zu erretten, gab er ihm zur Antwort.

Mittwoch, 26. März 2014

Im stillen Kämmerlein

Spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden wissen wir, dass wir ziemlich überall bespitzelt werden. Schamlos werden wir ausspioniert, vorwiegend aber nicht auschliesslich durch die USA. Unsichtbare Geister dringen in unsere Privatsphäre ein, was sie dort suchen, ist uns unverständlich. Dennoch, behaglich fühlen wir uns dabei nicht. Wir waren daran gewöhnt, dass unser persönlicher Bereich Türen hatte, die wir nur denen öffnen, die wir erwählt haben. Doch das war nicht immer selbstverständlich. In der Vergangenheit gab es unzählige Gewohnheiten, bei denen die Intimsphäre nicht nur der unteren Gesellschaftsschichten offengelegt wurde. Die Levée, die sonderbare Audienz am französischen Königshof, die später auch in England, ja sogar in den USA von George Washington praktiziert wurde, erlaubte es hochgestellten Persönlichkeiten beim Erwachen und Ankleiden des Königs zugegen zu sein. Dies war eine institutionelle Zeremonie der Entweihung der Privatsphäre, jedoch mit Einverständnis aller Beteiligten. Eine Art Voyeurismus. Doch es gab noch merkwürdigere Beispiele. Als Gofredo Borja, einer der Söhne Papst Alexanders VI. mit der unehelichen Tochter König Alfons II. Von Neapel, Sanchia von Aragonien vermählt wurde, spielte sich eine sonderbare Szene ab. Das Brautpaar wurde in ihre Kammer geführt und von Frauen und Fräulein entkleidet und ins Bett gelegt. Dann traten der König und der päpstliche Legat ins Zimmer und schauten plaudernd dem Liebesakt der beiden zu. Nach etwa einer halben Stunde verabschiedeten sich alle und liessen die Liebenden gewähren. Auch der berühmte Bruder Cesare Borja hat für seine Hochzeitsnacht Zeugen aufgeboten. Das geht aus einer Aufzeichnung hervor, die durch einen Kurier an den Papst gebracht wurde. Sein Sohn Cesare, so hiess es darin, der ehemalige Kardinal, habe mit Fräulein d'Albert am Sonntag, den 12. Mai 1499 die Ehe geschlossen und vollzogen und es achtmal hintereinander gemacht. Guinessreif! Gerade bei hochstehenden Persönlichkeiten hatte diese Praxis eine wichtige Bedeutung: nach kanonischem Recht war die Gültigkeit der Ehe mit dem Vollzug des Geschlechtsaktes besiegelt. Bei Scheidungswünschen konnten also die Zeugen der Hochzeitsnacht beigezogen werden, um das Ansinnen auf eine Auflösung des Bundes zu verhindern. Im Mittelalter kannte man die "benedictio thalami", die Segnung des Ehebettes. Nach dem ausgiebigen und ermüdenden Mahl wurde das Brautpaar ins Schlafzimmer begleitet, die Braut wurde von den Freundinnen ausgezogen, ins Bett gelegt, ermutigt und mit guten Ratschlägen versehen. Dann legte man den frisch erkorenen Ehemann neben sie, der Priester segnete das Ehebett. Danach haben die Freunde mit einem Höllenkrach den Teufel vertrieben. Die Auffassung von der Privatsphäre hat sich also in der Geschichte gewandelt. Früher gab es Zuschauer im ehelichen Schlafzimmer, heute sitzt wohl nur der US Geheimdienst NSA am Bettrand der Liebenden.

Donnerstag, 20. März 2014

Verkehr im Vatikan

Jedes Land kennt Verkehrsregeln. Der Vatikan kennt nur Geschlechtsverkehrsregeln.

Sonntag, 16. März 2014

Die Katze im Sack

Das Tagesblatt Gulf News berichtete von einem arabischen Botschafter, der in Dubai die edle Absicht hatte, zu heiraten. Eine alltägliche und recht gewöhnliche Sache, würde man meinen. Doch nicht so, wenn der Bräutigam seiner Auserwählten noch nie ins Gesicht blicken konnte, weil diese Burka-Trägerin ist. Erwartungsvoll stand der zukünftige Ehemann nach dem Jawort da, bereit sich zu verlieben, als die Braut den Niqab, die Kopfverhüllung des Ganzkörperschleiers lüftete. „Oh, my God“ mochte er ausgerufen haben, was auf arabisch etwa wie „marhalla Allaha“ tönen konnte. Was er da sah war eine arg schielende, hässliche Braut mit stark ausgeprägtem Gesichtshaar. Der Bräutigam wandte sich an das Gericht, ersuchte um Annullierung des Eheversprechens und verlangte für die erlittenen moralischen Schäden Entschädigung. Die Moral von der Geschicht, kauf die Katze im Sack nicht.

Freitag, 14. März 2014

Hexerei

Der Bischof von Exeter hatte für seine Diözese ein Pönitentialbuch, ein Strafgesetzbuch für Gläubige verfasst. Darin wurden alle Vergehen zusammengetragen, die dem Bischof nicht gefielen und seine Sicht von Rechtgläubigkeit verletzten. Es erhielt auch die Strafen, die dem Hirten für die Verfehlungen als angemessen erschienen. Unter anderem wurden Frauen der Hexerei beschuldigt und entsprechend bestraft, die behauptet hatten, sie könnten durch Zauberei und Beschwörungen den Männern den Kopf verdrehen. Hört, hört! Herr Bischof, vielleicht wussten Sie das nicht, aber dazu braucht es doch keine Hexerei.

Donnerstag, 30. Januar 2014

Nicht nur Engel haben Flügel

Der kürzlich zurückgetretene Bischof von Lugano, Pier Giacomo Grampa ist wegen zu rassigem Autofahren gebüsst worden. Wie? Ein Bischof? Sonst ist die katholische Kirche nicht für Tempo sondern für Schneckengang bekannt. Was nicht berichtet wird, ob er auch Messwein im Blut hatte. Sein Vergehen hatte allerdings gravierende Folgen: drei Monate Führerscheinentzug. Und das ist hart. Denn Grampa war bekannt, dass er überall hinfuhr, wo er einen Fotoapparat oder eine Fernsehkamera vermutete. „Prezzemolo“ wurde er von einigen genannt, Petersilie, weil dieses Küchenkraut überall anzutreffen ist. So muss er doch froh gewesen sein, dass er vom Fernsehen wegen seiner Sünde zur Rede gestellt wurde. Ich will es ihm nicht unterstellen, dass er absichtlich zu schnell fuhr, weil er seit seinem Rücktritt nicht mehr die Aufmerksamkeit der Medien beanspruchen konnte.

Montag, 20. Januar 2014

Verkehrsregeln im Jenseits

Einem kolumbianischen Verkehrsrowdy ist für die nächsten neun Jahrhunderte der Führerschein entzogen worden. Dies erfuhr ein Richter in Bogotá, als er den Mann wegen des Unfalltods einer Passantin zur Rechenschaft ziehen wollte. Der Mann hatte im September 2011 in betrunkenem Zustand eine 87-jährige Frau überfahren und ihren Sohn schwer verletzt. Er sollte sich deshalb nun wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten. Bei der Anhörung stellte der Richter jedoch fest, dass dem Angeklagten schon kurz vor dem Vorfall wegen unzähliger Verkehrsdelikte der Führerschein bis zum Jahr 2999 entzogen war. Gleichzeitig hatte er Geldbussen in einer Rekordhöhe von umgerechnet rund 706'000 Franken angesammelt. Hätte der Mann einen guten Verteidiger gehabt, so wäre ihm möglicherweise das Urteil um die Hälfte reduziert worden. Auf jeden Fall wird der Rowdy nach Verbüssung der Strafe vermutlich nicht mehr erwischt werden. Denn im Jenseits darf man mit höllischem Tempo fahren.

Donnerstag, 16. Januar 2014

Verkehrsordnung für Hexen

Fliegen! Welch alter Wunsch des Menschen! Den Vögeln gleich in den Lüften segeln, frei sein und das Erdreich von oben betrachten, ist die ewige Sehnsucht, die von allen verspürt wird. Dazu kommt der Rausch der Geschwindigkeit; Flügel kommen nun einmal nicht so behäbig langsam vorwärts wie Beine, sind weniger an topographische Begebenheiten gebunden und gelangen schneller zum Ziel. Cherubim, Seraphim, Erzengel, ja sogar das gemeine Fussvolk der Engel sind uns weit voraus. Sie haben Flügel, in Übermass, einige sechs Stück. Dädalus wurde in der griechischen Mythologie aus Strafe auf der Insel Kreta mit seinem Sohn Ikarus festgehalten, baute sich aber Flügel, deren Federn mit Wachs befestigt waren, um zu entkommen. Der übermütige Ikarus wollte die Weisung des Vaters nicht befolgen, flog zu hoch in den Lüften, wobei die Sonne das Wachs schmelzen ließ und er ins Meer stürzte. Doch das Transportmittel „Flugzeug“ war vorausgesagt. Heute kennen wir unzählige Luftfahrtvehikel: Sputniks, Raketen, Raumfahrtzeugen, Flugzeuge, ULM (ultra-léger motorisé), Drachenflieger, Gleitschirme und Besen. Ja, Sie haben richtig gelesen: Besen. Besen sind bekanntlich das Transportmittel der Hexen. Und wie alles, was in der Luft verkehrt, müssen auch Besen der Luftfahrtverordnung unterstellt sein. Dieser Meinung ist zumindest das Zivilluftfahrtbehörde von Swaziland. Es hatte in allem Ernst eine Verordnung erlassen, Hexen dürfen nicht höher als 150 Meter fliegen, ansonsten würden sie verhaftet. (Vgl. Corriere del Ticino, 8. Juni 2013, S. 36). Eine gesalzene Busse müssten sie auch bezahlen. Somit kann mit Zustimmung der Behörden die Hexenjagd beginnen! P.S. Das Bundesamt für Aviatik überlegt sich, eine Klarstellung zu erlassen, in der den Amerikanern erklärt wird, dass Swaziland nicht mit Switzerland identisch ist.

Donnerstag, 2. Januar 2014

Garantiezertifikat

Nach zuverlässigen Zeitungsberichten gibt es in Italien eine immer grössere Anzahl von Frauen, die durch chirurgische Eingriffe ihre geplatzten Jungfrauhäutchen durch neue ersetzen lassen. Obwohl die Damen dabei aus Gründen der Diskretion private Kliniker bevorzugen, nimmt die Anzahl der Gesuche auch in den öffentlichen Spitälern zu. (Vgl. Corriere del Ticino vom 12. April 2008) Kommentar: der berüchtigte Brauch der Sizilianer, nach der Hochzeitsnacht ein blutbeflecktes Leintuch auf den Balkon zu hängen, hatte zwei mögliche Bedeutungen: entweder rührte das Blut von der Entjungferung her, oder vom Mord an der Braut, die eben keine Jungfrau mehr war. Eigentlich ist es von der Natur ziemlich parteiisch, dass sie nur die Frau mit diesem Meldesystem für Unversehrtheit ausgestattet hatte. So etwas wie ein Jungmannsstäbchen für Männer wäre zweifelsohne nützlich und sehr aufschlussreich gewesen. Wie so etwas aussehen müsste? Vorschläge und Anregungen werden gerne entgegengenommen.

Donnerstag, 15. März 2012

Jedermann

Ein reicher und geiziger Mensch namens „Jedermann“ wird vom Tod aufgefordert, ihn vor Gott zu begleiten. Er sträubt sich und ersucht seinen treuen Knecht, seine Freunde, sein Geld, mit ihm zu kommen. Doch niemand ist bereit, ihm diesen Dienst zu erweisen.
Bei den Salzburgern Festspielen wird dieses Stück von Hugo von Hoffmannstal jährlich vor dem Dom aufgeführt. Am Schluss rufen Stimmen von den nahen Kirchtürmen, vom Friedhof und von den Zinnen der Gebäude schauererregend „Jedermann“ und künden an, dass der Tod irgendeinmal jeden von uns rufen wird, dass gegen diesen Ruf kein Rekurs eingelegt werden kann und dass wir dabei den Weg allein antreten müssen.
Meinst du? Da hast du aber die Rechnung ohne die Stadtverwaltung von Falciano del Massico, der kleinen süditalienischen Stadt in der Provinz Caserta gemacht. Da es im Städtchen keinen Friedhof gibt in der Nachbargemeinde indes wohl, hatte der Bürgermeister Giulio Cesare Fava erklärt, die Behörden hätten verfügt, ab sofort wäre es verboten „ins Jenseits umzuziehen“. Diese Massnahme hätte nicht umgangen werden können, da man mit dem Nachbardorf wegen den Beerdigungen nicht einig werden konnte. (Corriere del Ticino, 14. März, 2012, S. 44)
Jedermann? Anscheinend also nicht. Allen, die nicht zu sterben wünschen, wird demnach hier geraten, nach Falciano del Massico umzuziehen.
Neuesten Meldungen folgend muss man jedoch feststellen, dass auch hier – wie in ganz Italien - nicht alles ordentlich befolgt wird und schon in zwei Fällen ziviler Ungehorsam festgestellt werden musste. Es ist nicht klar, ob diese Toten eine Busse erhalten.

Mittwoch, 22. Februar 2012

Wen die Not bedrängt

Kann man die Errungenschaften der Zivilisation in eine hierarchische Wertordnung bringen? Was war wichtiger, das Rad oder der Kompass? Der Flaschenzug oder der Computer? Die Dampfmaschine oder das Fernrohr? Das Handy oder die Toilette? Na ja, das Handy, meinen viele, vorwiegend Frauen und vorwiegend in Indien. Der indische Minister für ländliche Entwicklung zürnte, weil trotz seinem Kampf gegen die „open defecation“ Millionen die Darmentleerung unter freiem Himmel besorgen. 60% aller Menschen, die ihre Notdurft im Freien verrichten, leben in Indien, wo aber dank der modernen Einstellung viele Frauen ihr Geld statt für die Einrichtung stiller Örtchen lieber für Mobiltelefone ausgeben, von denen im Lande 700 Millionen im Betrieb sind. Diese „enorme Schande für Indien“, wie er den Zustand geißelte, ist ihm schon lange ein Dorn im Auge. Wenn man bedenkt, dass schon fast 3000 Jahre v.Chr. in diversen Städten des Altertums öffentliche Bedürfnisanstalten existierten, die durch Kanäle entsorgt wurden ... Danach gab es verschiedene Formen von hygienischen Lösungen, damit die Menschen ihre dringenden Geschäfte rücksichtsvoll und diskret erledigen konnten. Aber wie immer, gab es auch hier Rückschläge. Viel später, in Versailles etwa, wo Reichtum und Prunk den Lebensstil bestimmt hatten, gab es keine Toiletten, man ging in die herrliche Parkanlage, kauerte sich hinter einem Busch und ließ seinen Kot frei, fand dabei vielleicht eine Gesprächspartnerin, mit der man auch anderes koordinieren konnte. Für das kleine Geschäft waren die Treppenhäuser gut genug und wo heute Staatsmänner, Diplomaten und Berühmtheiten die „Gloire“ bewundern, stank es einmal ätzend nach Urin. Doch heute wird in Frankreich ein wenig stärker auf Hygiene geachtet, sodass Treppenhäuser und Parkanlagen viel seltener stinken.
Der indische Minister Jairam Ramesh wird sich aber noch lange aufregen müssen, bis sich Toiletten gegen Mobiltelefone behaupten werden.

Sonntag, 20. Juni 2010

PREISFRAGE

Warum haben die alten Aegypter den Krokodilen Ohrringe angelegt?
Die beste Antwort auf diese Frage wird praemiert.

Sonntag, 13. Juni 2010

LIEBEN SIE ... FUSSBALL?

Robert Green: ein Name, der bis gestern, 12. Juni 2010 außer bei einigen Fußballfreunden den meisten Menschen nur ein Achselzucken entlockte. Doch oh weh, auf einen Schlag wurde Green hunderten von Millionen Menschen bekannt, als er einen harmlosen Weitschuss des amerikanischen Stürmers Clint Dempsey unbeholfen ins Netz der englischen Mannschaft rollen ließ. Die allgemeine Bestürzung war maßlos, die Häme der Kommentatoren prasselte auf den armen Mann, der wohl die Stunde seiner Geburt verfluchte. Und da kamen plötzlich Erinnerungen an frühere Fauxpas der englischen Torhüter auf den Markt; es scheint bei dieser Berufskategorie zum guten Ton zu gehören, sich gravierende Patzer zu leisten. Eine lange Reihe ähnlicher Missgeschicke, wie es Robert Green geschah, ziert die Annalen des Sports in der Heimat des Fußballs: David Seaman, David James, Paul Robinson und andere wurden mit ihren peinlichen und oft matchentscheidenden Fehlern in Erinnerung gerufen. Spötter meinen, England wäre jedes Mal Weltmeister, falls es nicht ohne Torhüter spielen würde. Wer sich aber mit der Materie befasst, weiß, dass die Torhüter der königlichen Majestät gut ausgebildet werden, wenn auch für andere Aufgaben als Bälle fangen. Ein Beispiel dafür ist jener Amateur-Fußballkeeper in Stevenage, der auf dem Heimweg von einem Spiel ein Kleinkind bemerkte, das sich im dritten Stock eines Wohnhauses mit letzter Kraft am Fenstersims festklammerte. Er rannte los und konnte das Kind auffangen. (Vgl. Neue Zürcher Zeitung, 13. August 1992).
Na bitte! So schlecht sind also die englischen Torhüter doch nicht!

Sonntag, 6. Juni 2010

NOBLESSE OBLIGE

Le siécle d’or; welch mythischer Begriff. Folgt einer den schwärmerischen Erläuterungen der Fremdenführerin in Versailles, könnte man meinen, im Olymp der Zivilisation angekommen zu sein. „Gloire“, nennen die Franzosen ihre Geschichte …
Trotz der schönen Formen, die den Hof von Ludwig XIV. geprägt haben, glänzten wichtige Details nicht wie Gold. Die hochtrabenden Namen der Adeligen sind aus den Geschichtsbüchern bekannt; weniger bekannt waren die Sitten dieser Herren. Im Louvre urinierten sie zum Beispiel auf die Treppen und spuckten auf die Böden. Toiletten gab es in den Schlössern der Könige selten. Im Sanssouci etwa begaben sich die Gäste in den Park, um ihre Notdurft zu verrichten. Da kauert die Gräfin soundso im Gebüsch. Neben ihr steht breitbeinig der Comte irgendwer und erzählt zur plätschernden Begleitmusik seine neuesten Abenteuer mit der Herzogin XY. Und bei Regen? Dann blieb man drinnen und benutzte die Treppen und Korridore.
Eigentlich ist alles eine Frage der Konvention. Wer heute noch Ephesus besucht, wird an einer bestimmten Stelle der Stadt einen kleinen Platz mit einem offenen, hufeisenförmig angelegten Graben antreffen. Das waren die öffentlichen Toiletten. Man saß auf einer niedrigen Mauer, verrichtete sein Geschäft, winkte den Neuankömmlingen, nickte einander zu und plauderte über die letzten Neuigkeiten.
Im Film von Louis Buñuel, „Das Gespenst der Freiheit“ werden Einladungen an Freunde und Bekannte verschickt, wir heute, doch nicht zur Party sondern zum gemeinschaftlichen Stuhlgang. Zunächst sieht das alles ziemlich gewöhnlich aus. Festlich gekleidete Menschen stehen in einem Raum und diskutieren. Man blickt auf die Uhr. Die Gesellschaft beschließt anzufangen, obwohl jemand in Verspätung ist. Man setzt sich um einen Tisch. Die Stühle sind Toilettenschüssel. Dann triff die Säumige ein, entschuldigt sich, hebt den Rock auf und setzt sich ebenfalls. Der Gedankenaustausch beginnt in befremdender Manier. Die Magd bietet der Versammlung Papierrollen an. Einer der Gäste flüstert ihr etwas ins Ohr, worauf sie mit der Hand in eine Richtung weist. Der Gast öffnet eine Türe und befindet sich in einem kleinen Raum. Er klappt ein Fach aus, entnimmt ihm ein Sandwich und isst es hastig in seinem Versteck.
Wer würde sich da schon über die stinkenden Korridore von Versailles wundern?

Montag, 10. Mai 2010

...WER SICH EWIG BINDET

Am Anfang unserer Zeitrechnung entstanden in Rom die meisten Ehen durch „usus“, durch das gewohnheitsmäßige Zusammenleben. Fanden es zwei lustig, Seite an Seite ihre Tage und Nächte zu verbringen, zogen sie zusammen und wurden, schwupp, nach einiger Zeit als Eheleute angesehen. Madame geriet mit ihrem gesamten Habe unter die Fuchtel des Mannes. Nicht alle Frauen waren mit einer solchen stillschweigenden Verheiratung einverstanden. Um der „manus“, der Hand des Mannes zu entschlüpfen – emanzipieren kommt von diesem Ausdruck – brauchte eine Frau jedes Jahr drei Nächte nacheinander auswärts zu schlafen. Sie konnte dadurch das Verfügungsrecht über ihren Besitz behalten.
Die Welt hat sich inzwischen verändert. Schläft eine Ehefrau heutzutage drei Nächte auswärts, wird sie geschieden und der Besitz ihres Mannes geht zum guten Teil an sie.

Sonntag, 18. April 2010

SICHER IST SICHER

Mailand, via Pietro da Cortona, ein Miethaus für kleinere Budgets, wo einige hundert Familien leben. Viele Wohnungen sind in einem Zustand, der eine Zwangsrenovierung nötig macht. Die Handwerker machen sich an die Arbeit. Ein Mieter ist augenblicklich abwesend, die Polizei öffnet die Türe. Auf geht’s, meinen die Klempner und machen sich Platz. Sie verschieben ein Möbel, wobei sich eine Schublade öffnet. Erstarrt blicken die Leute auf den Inhalt. Drei kleinere Bomben in Zeitungspapier eingewickelt lachen sie an. Zetermordio! Eine Terroristenzelle entdeckt! Ruft die Polizei!
Behutsam werden die Bomben in eine Grube transportiert und dort gesprengt. Die Sprengkörper stammen aus dem zweiten Weltkrieg und hätten das ganze Wohnkomplex in die Luft sprengen können.
Jetzt suchen wir die Terroristen, heißt es. Wer bewohnt diese Wohnung? Das Staunen ist groß: eine achtzigjährige Frau wird als Mieterin ausfindig gemacht. (Corriere della Sera, 15.04.2010. S. 6) Hat sie sich wohl für Streitigkeiten mit den Nachbarn gerüstet?