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Mittwoch, 19. Februar 2014
Habakuk beim Pfarrer
Mein lieber Onkel Habakuk. Auf meiner Reise kam ich im Jahr 1733 in ein kleines Dorf namens Etrépigny in der Champagne vorbei. Ich suchte eine Herberge, man wies mich an, beim Dorfpfarrer nachzufragen. Man sagte mir, dieser wäre ein heiligmässiger Mann, der ein strenges Leben der Abstinenz führte und jedes Jahr den Teil von seinem Gehalt an die Armen verteilte, der ihm sein bedürfnisloser Lebensstil übrig liess. Als ich bei ihm anklopfte, wurde ich von einer alten Haushälterin empfangen, die mich in sein Zimmer führte. Mit grossem Bedauern musste ich feststellen, dass der arme Mann krank darniederlag und ihm allem Anschein nach nur noch kurze Zeit auf diese Erde vergönnt war. Dennoch wies er mir mit schwacher Stimme ein Zimmer zu und forderte mich auf, mich zu erfrischen und dann zu ihm zu sitzen. Ich dachte, er würde bei mir Trost suchen, doch weit gefehlt! Mit grosser Gelassenheit teilte er mir mit, dass er nun bald sterben würde und lächelte mich verklärt an. Er zog unter seinem Kopfkissen ein Manuskript hervor und überreichte es mir. Er bat mich, es in Ruhe zu lesen und anschliessend wieder zu ihm zurückzukommen. Bereitwillig erfüllte ich ihm diesen letzten Wunsch. Ich zog mich also in meine Kammer zurück und begann zu lesen. Gross war meine Verblüffung, als ich mich in diese Schrift versenkte. Sie begann damit aufzuzeigen, dass die Bibel voller Widersprüche ist und die Wunder sowohl im Alten wie im Neuen Testament entweder frommer Schwindel oder falsch verstandene Naturerscheinungen waren. Die Unsterblichkeit der Seele war alles andere als ein Trost, nachdem ein fürchterlicher Gott nur die wenigsten Menschen mit dem Himmel belohnen würde, die meisten aber in die Hölle schickte. An einem solchen Gott könne ein denkender Mensch nicht glauben. "So müsst ihr also einsehen, ihr Theologen", hiess es, "dass euer Gott euren eigenen Prinzipen gemäss bösartiger ist, als der bösartigste der Menschen." Die Vorsehung wird mit schmeichelhaftem Lob für die aufmerksame Sorge gepriesen, die sie dem Schicksal der Menschen beschert. Doch das Menschengeschlecht ist ständig damit beschäftigt, sich vor den bösartigen Machenschaften dieser Vorsehung zu schützen, die sich angeblich nur um die Bewahrung ihres Glückes kümmert. Schliesslich holte der Verfasser zum Rundschlag gegen den Glauben aus. Welcher normale Mensch könnte glauben, dass Gott in der Absicht, sich mit der Menschheit zu versöhnen, seinen eigenen unschuldigen und makellosen Sohn opfern würde? Und es ging in diesem Stil weiter, wobei ich einsehen musste, dass alles vernünftig tönte. Am nächsten Morgen begab ich mich zu meinem Gastgeber, der ein wenig besser aussah, als bei meiner Ankunft. "Hast du in das Manuskript hineingeschaut?", war seine erste Frage. Als ich ihm diese bejahte, wollte er wissen, was ich davon hielte. Ich habe es mit Interesse, Überraschung und Anerkennung gelesen. Die Menschen glauben alles, wenn man es ihnen von klein auf eintrichtert. Aber wer in aller Welt gab Ihnen, dem Pfarrer, diese Schrift?, wollte ich von ihm wissen. Ich sage es dir, falls du mir versprichst, dass du das zu meinen Lebzeiten nicht weitersagst, aber wenn ich tot bin, musst du das Büchlein veröffentlichen. Ich hatte keinen Augenblick mit der Antwort gezögert und ihm versprochen, seinen Wunsch zu respektieren. Ich habe das verfasst, flüsterte er. Aber Sie waren doch Pfarrer, der seinen Schäflein den Glauben stärken musste. Ich habe ihnen gedient mit Liebe, Fürsorge, Verständnis und Geduld. Meine Moral kommt nicht von diesem monströsen Gott, den die Kirche predigt, sondern von der Einsicht in die Not des Menschen. Danach schwiegen wir lange. Ich fragte ihn, als ich ging: wie heissen Sie Herr Pfarrer. Nenne mich nicht Herr Pfarrer. Jean Meslier ist mein Name. Verbrennt den Schund und die Leiche dieses Ketzers, rief der Papst, als er viel später die Schrift las. Recht hat er. Nachdenken ist bei den Theologen nämlich verboten, mein lieber Onkel Habakuk.
Ich Grüsse dich herzlich
Dein Neffe Ibrahim
Sonntag, 30. Mai 2010
WIE HABAKUK DIE WELT ERLEBTE 13
Auf meiner Reise habe ich bei einem seltsamen Völkchen Aufenthalt gemacht, lieber Onkel Habakuk. Diese einfachen Leute stehen auf merkwürdige Art mit dem Tod per du. Früher musste ich schon oft die Erfahrung machen, dass die Menschen vom Tod im Tiefsten beschäftigt werden. Der Mensch möchte dem Altern und Vergehen, dem Zerfall, dem Entschwinden und dem Verwesen Einhalt gebieten. Auf tausend Arten versucht er Freund Hein zu besiegen oder ihn zumindest um einen milden Aufschub seiner lieblosen Pflicht zu bitten. Doch meine Gastgeber waren anders. Sie kennen die Furcht vor dem Tod nicht. Sie sind so felsenfest überzeugt, dass die Verstorbenen an ihrem Ort fröhlich weiterleben, dass das Sterben für sie nicht tragischer ist als das Mittagessen.
Als ich zu ihnen kam, brach große Freude aus. Mit Jubelrufen und Festgesängen wurde ich sogleich zum Zauberer geführt. Dieser begann mir Fragen zu stellen und ich erklärte ihm, dass ich eine lange Reise um die Welt mache, um alle Völker kennen zu lernen.
„Wir werden die Ahnen über dich befragen“, sagte er.
„Woher sollten deine Ahnen mich kennen?“
„Die Ahnen sind allwissend“, sagte der Zauberer. „Ihnen geht es gut, sie kennen jeden unter der Sonne, sorgen für Wärme und Regen, behüten unsere Saat und helfen uns, wenn wir im Kriege stehen. Sie werden uns sagen, wer du bist.“
Ich konnte mir nicht vorstellen, was er damit meinte.
„Wie wisst ihr all das?“, ging ich dem Problem auf den Grund.
„Wir stehen in Kontakt mit ihnen. Wir berichten ihnen unsere Neuigkeiten, damit sie uns raten, was wir tun müssen.“
Als der Zauberer merkte, wie wenig ich von seiner Rede verstand, erklärte er: „siehst du, wir werden den Ahnen heute Nachmittag mitteilen, dass du zu uns gekommen bist. Wir schicken einen Botschafter zu ihnen und sie werden uns erleuchten.“
Ich wurde stark neugierig. Um auf alle Fälle einen guten Eindruck zu erwecken, wusch ich mein Gesicht, kämmte mein Haar und meinen Bart und zog mein Festgewand an. Am Mittag endlich, als die Sonne am Zenit stand, rief man mich in die Dorfversammlung. Der ganze Stamm saß in einem großen Kreis um den Zauberer auf dem Boden.
Ein Mann wurde in die Mitte des Kreises gerufen, ein junger Mann in voller Lebenskraft.
„Sieh dir unseren Gast genau an, damit du ihn beschreiben kannst!“, befahl ihm der Dorfälteste.
Der Jüngling musterte mich, prägte sich mein Aussehen ein, musterte meine Größe, prüfte meine Kleidung. Dann nickte er dem Zauberer zu.
„Was wirst du den Ahnen sagen?“, fragte ihn jener.
Der Mann fasste seine Botschaft in genauer Ausführlichkeit zusammen. Dann winkte der Dorfälteste einem kräftigen Mann, der ein Schwert trug. Der ganze Stamm begann im Kreis herumzutanzen. Der Schwerttragende holte aus und schlug mit einem Hieb dem Jüngling den Kopf ab. Ich war entsetzt. Ich verstand: so schickt man also die Nachricht zu den Verstorbenen.
Merkwürdig, lieber Onkel. Hier erledigt man Menschen, um Neuigkeiten zu vermitteln; anderswo vermittelt man Neuigkeiten, um Menschen zu erledigen. Ich bin nie dahinter gekommen, wie der Jüngling die Antwort der Ahnen zurückbrachte. Wurde ihm etwa der Kopf wieder aufgesetzt?
Mit lieben Grüßen Dein Neffe Ibrahim
Als ich zu ihnen kam, brach große Freude aus. Mit Jubelrufen und Festgesängen wurde ich sogleich zum Zauberer geführt. Dieser begann mir Fragen zu stellen und ich erklärte ihm, dass ich eine lange Reise um die Welt mache, um alle Völker kennen zu lernen.
„Wir werden die Ahnen über dich befragen“, sagte er.
„Woher sollten deine Ahnen mich kennen?“
„Die Ahnen sind allwissend“, sagte der Zauberer. „Ihnen geht es gut, sie kennen jeden unter der Sonne, sorgen für Wärme und Regen, behüten unsere Saat und helfen uns, wenn wir im Kriege stehen. Sie werden uns sagen, wer du bist.“
Ich konnte mir nicht vorstellen, was er damit meinte.
„Wie wisst ihr all das?“, ging ich dem Problem auf den Grund.
„Wir stehen in Kontakt mit ihnen. Wir berichten ihnen unsere Neuigkeiten, damit sie uns raten, was wir tun müssen.“
Als der Zauberer merkte, wie wenig ich von seiner Rede verstand, erklärte er: „siehst du, wir werden den Ahnen heute Nachmittag mitteilen, dass du zu uns gekommen bist. Wir schicken einen Botschafter zu ihnen und sie werden uns erleuchten.“
Ich wurde stark neugierig. Um auf alle Fälle einen guten Eindruck zu erwecken, wusch ich mein Gesicht, kämmte mein Haar und meinen Bart und zog mein Festgewand an. Am Mittag endlich, als die Sonne am Zenit stand, rief man mich in die Dorfversammlung. Der ganze Stamm saß in einem großen Kreis um den Zauberer auf dem Boden.
Ein Mann wurde in die Mitte des Kreises gerufen, ein junger Mann in voller Lebenskraft.
„Sieh dir unseren Gast genau an, damit du ihn beschreiben kannst!“, befahl ihm der Dorfälteste.
Der Jüngling musterte mich, prägte sich mein Aussehen ein, musterte meine Größe, prüfte meine Kleidung. Dann nickte er dem Zauberer zu.
„Was wirst du den Ahnen sagen?“, fragte ihn jener.
Der Mann fasste seine Botschaft in genauer Ausführlichkeit zusammen. Dann winkte der Dorfälteste einem kräftigen Mann, der ein Schwert trug. Der ganze Stamm begann im Kreis herumzutanzen. Der Schwerttragende holte aus und schlug mit einem Hieb dem Jüngling den Kopf ab. Ich war entsetzt. Ich verstand: so schickt man also die Nachricht zu den Verstorbenen.
Merkwürdig, lieber Onkel. Hier erledigt man Menschen, um Neuigkeiten zu vermitteln; anderswo vermittelt man Neuigkeiten, um Menschen zu erledigen. Ich bin nie dahinter gekommen, wie der Jüngling die Antwort der Ahnen zurückbrachte. Wurde ihm etwa der Kopf wieder aufgesetzt?
Mit lieben Grüßen Dein Neffe Ibrahim
Montag, 29. März 2010
WIE HABAKUK DIE WELT ERLEBTE 12
Ich setzte nach Afrika über, mein lieber Onkel Habakuk und zog gegen Süden. Je südlicher ich kam, desto wärmer wurde es, bis es schließlich so heiß und üppig war, dass meine Eselin Ruhla ihr Los zu verfluchen begann. Sie wollte lieber Polaresel sein, entnahm ich der Klage in ihrem keuchenden Atem. Nach beschwerlichen Tagen gelangte ich zu den Buschnegern, die dort wohnen, wo der Äquator wie ein roter Strich durch die Wüste verläuft. Ich ließ meine Eselin im Schatten eines totgehungerten Löwen zurück und begab mich in die Oase. Die Buschneger, die ich hier antraf, waren so schwarz wie die Nacht, sodass sie selbst beim grellen Sonnenlicht nur wie Schatten aussahen. Sie waren dermaßen dunkel, dass selbst sie sich voreinander fürchteten. Deshalb bemalten sie sich mit kunterbunten Farben, grün, gelb und rot und steckten sich prächtige Feder von Pfauen und Riesenpapageien in die Haare. Geschminkt sahen sie etwas weniger furchterregend aus.
Als sie mich erblickten, wollen sie mich gleich zum Mittagsmahl verspeisen, weil sie meinten, dadurch könnten sie auch schön weiß werden, wie ich. Sie setzten mich also in den Kochtopf und befahlen dem Magier, mich zuzubereiten. Dies aber ging nach folgendem Rezept: das Gericht (in diesem Fall ich selbst) wird in eine große Holzpfanne gelegt, die Holzpfanne aber aufs Feuer. (Hier kennt man keine Eisenpfannen). Die Kochzeit beträgt eine halbe Pfannenbrandlänge.
Ich sah, dass diesmal die letzte Etappe meiner Reise in dieser Welt erreicht war und bat die Buschneger, dir lieber Onkel eine Todesanzeige schicken zu dürfen. Diese willigten ein. Ich ging also meine Eselin holen, da sich mein Schreibzeug in der Reisetasche befand. Das war aber meine Rettung. Als ich nämlich mit der guten Ruhla zurückkehrte, sind meine Gastgeber außer sich geraten. Sie stürzten sich auf das Tier, umtanzten es, streichelten es, betasteten seinen Hintern und bestaunten es. Um mich kümmerten sie sich nicht mehr. Ich nahm an, sie würden an meiner Statt die Eselin kochen wollen und verschwand unbemerkt. Ich kam aber nicht weit, da stieß ich auf die Negerfrauen, die gerade beim Holzfällen waren. Sie arbeiteten hart, schleppten riesige Stämme und schwere Reisigbündel und stöhnten unter der Last. Denn dies habe ich dir noch nicht gesagt: die Buschmänner rührten nichts an. „Uru-Bukra, der große Geist, erklärte mir später der Häuptling, schuf den Mann nach seinem Bild. Weil aber Uru-Bukra schön ist, ist der Mann schön. Arbeit macht hässlich. Darum schickt Uru-Bukra dem Mann die Frau. Die Frau ist nicht schön, sie arbeitet.“
Während ich den schwarzen Frauen zusah, (sie hatten sehr-sehr wenig Kleider an und waren übrigens gar nicht so unschön, wie dies der Häuptling behauptet hatte), bemerkte ich nicht, dass mich die Männer eingekreist hatten. „Also doch“, dachte ich. Ich fand es demütigend, mit der Eselin im gleichen Topf gekocht zu werden, doch was konnte ich schon tun?
„Komm, komm“, rief der Häuptling aufgeregt und fuchtelte mich den Händen. Ich wolle weglaufen, doch sie umzingelten mich und beschworen mich, ins Dorf zu kommen. „Schnell“, sagte der Häuptling eindringlich. „Deine Frau ruft nach dir.“ Da hörte ich aus der Ferne meine Eselin brüllen: iiaaah, iiaaah. Zuerst war ich sehr verblüfft, doch dann verstand ich plötzlich den Sinn dieser wirren Worte. Die Folgerung der Männer war logisch: bei ihnen arbeiteten nur die Frauen. Da meine Eselin die Reisesäcke schleppte, musste sie nach ihrer Auffassung meine Frau sein.
Du wirst aber sehen, lieber Onkel Habakuk, eine solche Einstellung der Männer bleibt nicht ungestraft. Es wird mit uns ein schlechtes Ende nehmen. Die Zeit kommt, wo sich alles umkehren wird. Da werden sich die Frauen mit Farben bemalen und sich bunt schmücken, während die Männer arbeiten werden. Sollte einer in ferner Zukunft Haushaltsmaschinen erfinden, dann wird die unerfahrene Frau beim Anblick des Geschirrspülers die Besitzerin fragen: ist das hier dein Mann?
Als sie mich erblickten, wollen sie mich gleich zum Mittagsmahl verspeisen, weil sie meinten, dadurch könnten sie auch schön weiß werden, wie ich. Sie setzten mich also in den Kochtopf und befahlen dem Magier, mich zuzubereiten. Dies aber ging nach folgendem Rezept: das Gericht (in diesem Fall ich selbst) wird in eine große Holzpfanne gelegt, die Holzpfanne aber aufs Feuer. (Hier kennt man keine Eisenpfannen). Die Kochzeit beträgt eine halbe Pfannenbrandlänge.
Ich sah, dass diesmal die letzte Etappe meiner Reise in dieser Welt erreicht war und bat die Buschneger, dir lieber Onkel eine Todesanzeige schicken zu dürfen. Diese willigten ein. Ich ging also meine Eselin holen, da sich mein Schreibzeug in der Reisetasche befand. Das war aber meine Rettung. Als ich nämlich mit der guten Ruhla zurückkehrte, sind meine Gastgeber außer sich geraten. Sie stürzten sich auf das Tier, umtanzten es, streichelten es, betasteten seinen Hintern und bestaunten es. Um mich kümmerten sie sich nicht mehr. Ich nahm an, sie würden an meiner Statt die Eselin kochen wollen und verschwand unbemerkt. Ich kam aber nicht weit, da stieß ich auf die Negerfrauen, die gerade beim Holzfällen waren. Sie arbeiteten hart, schleppten riesige Stämme und schwere Reisigbündel und stöhnten unter der Last. Denn dies habe ich dir noch nicht gesagt: die Buschmänner rührten nichts an. „Uru-Bukra, der große Geist, erklärte mir später der Häuptling, schuf den Mann nach seinem Bild. Weil aber Uru-Bukra schön ist, ist der Mann schön. Arbeit macht hässlich. Darum schickt Uru-Bukra dem Mann die Frau. Die Frau ist nicht schön, sie arbeitet.“
Während ich den schwarzen Frauen zusah, (sie hatten sehr-sehr wenig Kleider an und waren übrigens gar nicht so unschön, wie dies der Häuptling behauptet hatte), bemerkte ich nicht, dass mich die Männer eingekreist hatten. „Also doch“, dachte ich. Ich fand es demütigend, mit der Eselin im gleichen Topf gekocht zu werden, doch was konnte ich schon tun?
„Komm, komm“, rief der Häuptling aufgeregt und fuchtelte mich den Händen. Ich wolle weglaufen, doch sie umzingelten mich und beschworen mich, ins Dorf zu kommen. „Schnell“, sagte der Häuptling eindringlich. „Deine Frau ruft nach dir.“ Da hörte ich aus der Ferne meine Eselin brüllen: iiaaah, iiaaah. Zuerst war ich sehr verblüfft, doch dann verstand ich plötzlich den Sinn dieser wirren Worte. Die Folgerung der Männer war logisch: bei ihnen arbeiteten nur die Frauen. Da meine Eselin die Reisesäcke schleppte, musste sie nach ihrer Auffassung meine Frau sein.
Du wirst aber sehen, lieber Onkel Habakuk, eine solche Einstellung der Männer bleibt nicht ungestraft. Es wird mit uns ein schlechtes Ende nehmen. Die Zeit kommt, wo sich alles umkehren wird. Da werden sich die Frauen mit Farben bemalen und sich bunt schmücken, während die Männer arbeiten werden. Sollte einer in ferner Zukunft Haushaltsmaschinen erfinden, dann wird die unerfahrene Frau beim Anblick des Geschirrspülers die Besitzerin fragen: ist das hier dein Mann?
Sonntag, 28. Februar 2010
WIE HABAKUK DIE WELT ERLEBTE 11
Ich habe mich kürzlich auf meinem Wege verirrt. Wie gewöhnlich bin ich zur Siestazeit auf dem Rücken meiner Eselin eingenickt und verließ mich darauf, dass mich das Tier in der eingeschlagenen Richtung weiterführte. Ich musste dabei eine teure Wahrheit lernen: wer Eseln traut, ist selbst ein Esel. Die schlechte Ruhla ließ sich nämlich von einem mit Disteln überwachsenen Pfad verführen. Für ihren Magen hatte sie Treue und Gehorsam geopfert.
Als ich von meinem Nickerchen erwachte, war ich in einem endlosen Wald gründlichst verloren, nicht weniger, wie die Stecknadel im Heustock. Mit eindeutigen Gesten klärte ich die Eselin über meinen frustrierten Seelenzustand auf und beschloss den Weg zu suchen. (Hier muss ich einige Stunden überspringen, der unfeinen Ausdrücke wegen, die während dieser Zeit gefallen sind.)
Als wir am Abend immer noch im Wald waren, begann ich mich mit dem Gedanken abzufinden, dass ich die Nacht in der Wildnis, im schlimmsten Fall im Magen eines Raubtiers, verbringen musste. Bald schon schien mir die zweite Möglichkeit besonders wirklichkeitsnah, denn aus der Ferne war ein fremdartiges Heulen zu hören. Es schauderte mich ob dieses verzweifelten Gebrülls, das ähnlich tönte, wie die Angstschreie von vielen-vielen Menschen, die in den Rachen der wilden Tiere geraten sind.
Ich schlich mich an, in Richtung der Geräusche.
Nach einigen Umwegen stieß ich auf eine Waldlichtung. Das Bild, das mir sich hier bot, überraschte mich nicht wenig. Derweil ich Tiger erwartet hatte, Boaschlangen und wütende Elefanten, erblickte ich nur heulende Menschen, die sich am Boden wälzten, mit der Stirn gegen die Erde schlugen, die Arme verwarfen und lautstark zu leiden schienen. Mitten auf der Lichtung war ein großer Scheiterhaufen aufgetürmt, auf dem reglos ein Mann lag, offensichtlich tot.
„Eine Trauerfeier“, dachte ich erleichtert.
Ich hielt mich unbeachtet am Waldrand zurück. Mit Interesse verfolgte ich das beeindruckende Geschehen. Auf einen einzigen Wink des Zeremonienmeisters verstummten alle und erhoben sich. Der Dorfmagier nahm dann eine Frau bei der Hand und begleitete sie, von den schweigenden Blicken der Trauernden gefolgt, auf den Scheiterhaufen. Er band sie neben dem Toten an und stieg wieder mit feierlicher Würde hinunter.
Ich ahnte Schlimmes und wurde nervös. Ich stürmte vor und packte einen Mann am Arm und machte ihn auf die große Gefahr aufmerksam, der die Frau ausgesetzt war.
„Ich wollt doch nicht Feuer anlegen?“, sagte ich ihm warnend.
Er schaute mich verwirrt an.
„Warum nicht? Sie ist die Witwe des Verstorbenen“, sagte er mit großer Selbstverständlichkeit.
„Aber sie lebt noch“, verdeutlichte ich das Missverständnis.
„Sie muss sterben. Bei uns werden die Witwen mit ihren toten Ehemännern verbrannt.“
Ich schüttelte den Kopf. „Das ist ja Wahnsinn! Wie kommt ihr dazu?“
„Das Gesetz schreibt es vor.“, gab er mir zur Antwort. „So wird es verhindert, dass die Frauen ihre Ehemänner vergiften.“
Eine eigenartige Einrichtung, die Ehe, lieber Onkel Habakuk. Sie ist der Versuch zweier Menschen, einander glücklich zu machen: mit Giftbecher und Scheiterhaufen.
Als ich von meinem Nickerchen erwachte, war ich in einem endlosen Wald gründlichst verloren, nicht weniger, wie die Stecknadel im Heustock. Mit eindeutigen Gesten klärte ich die Eselin über meinen frustrierten Seelenzustand auf und beschloss den Weg zu suchen. (Hier muss ich einige Stunden überspringen, der unfeinen Ausdrücke wegen, die während dieser Zeit gefallen sind.)
Als wir am Abend immer noch im Wald waren, begann ich mich mit dem Gedanken abzufinden, dass ich die Nacht in der Wildnis, im schlimmsten Fall im Magen eines Raubtiers, verbringen musste. Bald schon schien mir die zweite Möglichkeit besonders wirklichkeitsnah, denn aus der Ferne war ein fremdartiges Heulen zu hören. Es schauderte mich ob dieses verzweifelten Gebrülls, das ähnlich tönte, wie die Angstschreie von vielen-vielen Menschen, die in den Rachen der wilden Tiere geraten sind.
Ich schlich mich an, in Richtung der Geräusche.
Nach einigen Umwegen stieß ich auf eine Waldlichtung. Das Bild, das mir sich hier bot, überraschte mich nicht wenig. Derweil ich Tiger erwartet hatte, Boaschlangen und wütende Elefanten, erblickte ich nur heulende Menschen, die sich am Boden wälzten, mit der Stirn gegen die Erde schlugen, die Arme verwarfen und lautstark zu leiden schienen. Mitten auf der Lichtung war ein großer Scheiterhaufen aufgetürmt, auf dem reglos ein Mann lag, offensichtlich tot.
„Eine Trauerfeier“, dachte ich erleichtert.
Ich hielt mich unbeachtet am Waldrand zurück. Mit Interesse verfolgte ich das beeindruckende Geschehen. Auf einen einzigen Wink des Zeremonienmeisters verstummten alle und erhoben sich. Der Dorfmagier nahm dann eine Frau bei der Hand und begleitete sie, von den schweigenden Blicken der Trauernden gefolgt, auf den Scheiterhaufen. Er band sie neben dem Toten an und stieg wieder mit feierlicher Würde hinunter.
Ich ahnte Schlimmes und wurde nervös. Ich stürmte vor und packte einen Mann am Arm und machte ihn auf die große Gefahr aufmerksam, der die Frau ausgesetzt war.
„Ich wollt doch nicht Feuer anlegen?“, sagte ich ihm warnend.
Er schaute mich verwirrt an.
„Warum nicht? Sie ist die Witwe des Verstorbenen“, sagte er mit großer Selbstverständlichkeit.
„Aber sie lebt noch“, verdeutlichte ich das Missverständnis.
„Sie muss sterben. Bei uns werden die Witwen mit ihren toten Ehemännern verbrannt.“
Ich schüttelte den Kopf. „Das ist ja Wahnsinn! Wie kommt ihr dazu?“
„Das Gesetz schreibt es vor.“, gab er mir zur Antwort. „So wird es verhindert, dass die Frauen ihre Ehemänner vergiften.“
Eine eigenartige Einrichtung, die Ehe, lieber Onkel Habakuk. Sie ist der Versuch zweier Menschen, einander glücklich zu machen: mit Giftbecher und Scheiterhaufen.
Sonntag, 7. Februar 2010
WIE HABAKUK DIE WELT ERLEBTE 10
Diesmal entging ich in Persien nur knapp dem Tod, mein lieber Onkel Habakuk. In bin in eine sehr unerfreuliche Situation geraten. Zuerst ging zwar die Reise bestens, ich traf viele nette Menschen und bekam Neuigkeiten zu sehen, die man sonst nirgends antrifft. Doch als ich eines Tages vor den Gerichtshof geladen wurde, sah es wirklich so aus, als hätte mein letztes Stündlein geschlagen. Der Grund des Aufhebens war, wie immer, meine Eselin Ruhla. Sie hatte ein Techtelmechtel mit einem königlichen Kriegshengst, es gab dann Komplikationen, namentlich ein Maulesel. Ich wurde der „Verunreinigung der reinen persischen Kriegsrossrasse“ angeklagt.
Ich brachte ein schlagendes Argument vor: Maulesel könnten sich nicht fortpflanzen, somit bestehe keine Gefahr, dass das Eselsblut meiner Ruhla die Ader der Kriegshengstrasse verpeste.
Schon die Tatsache, dass auf persischem Boden ein solches Ungetüm aus deiner Schule zur Welt gebracht wurde, ist strafbar, sagte der Richter.
Ich beteuerte, ich wäre unschuldig. Es war meine Eselin Ruhla, die sich einen Fehltritt erlaubt hatte. Der Richter, ein grimmiger Mann, blieb unbeugsam. Er hatte die eigenartige Gewohnheit, immer das gleiche Urteil zu fällen: der Angeklagte soll gehäutet werden.
Wenn du seine Geschichte hörst, wirst du verstehen, warum.
Sein Vater selig war Richter unter dem König Kambyses. Einmal, als er ein Urteil nicht nach dem Geschmack des Königs fällte, ließ ihn Kambyses häuten, seinen Richterstuhl mit der abgezogenen Haut überziehen und den Sohn des Ungelehrigen in das Richteramt einsetzten. Dieser fällte dann, in ständiger, heilsamer Hautfühlung mit seinem Vater königlichere Urteile. So ergab es sich, dass der Sohn-Richter ziemlich eintönig alle Angeklagten häuten ließ und mit derer Haut allerlei Sattlerarbeiten ausführen ließ.
Als ich vor ihn geführt wurde, begann er das Verhör wie folgt:
Wie groß bist du?
Einmeterachtundsechzig.
Brustumfang?
Zweiundachtzig.
Bundweite?
Achtzig.
Keine ausgesprochen Mannequinfigur, grunzte er. Er gibt gerade noch einen Küchenhocker ab.
Ich bin aber unschuldig, plädierte ich.
Küchenhocker also, sagte der Richter und wollte meinen Einwand nicht zur Kenntnis nehmen.
Lieber Onkel Habakuk, es waren schreckliche Augenblicke. Selbst der Gedanke an die delikaten Körperteile der Mägde, die einmal an meiner Haut herumrutschen sollten, gab mir in Anbetracht meines Loses keinen Trost. Ich glaube, dieser skrupellose Richter würde in der Not selbst das Fell seines Vaters zu Markte tragen und seinen Stuhl einem Antiquar verkaufen. Doch da das Philosophieren die Welt weder erklären noch verändern kann, halfen mir meine Überlegungen in dieser prekären Situation reichlich wenig. Der Richter begann meine Personalien aufzunehmen. Die braucht man für den Qualitätsnachweis, erklärte er mir.
Als er hörte, dass ich Jude bin, fragte er: bist du beschnitten?
Ja.
Ich hebe das Urteil auf. Der Sattler hätte mir dir nur Flickarbeiten, sagte er und ließ mich springen. Ich bin mir wieder sehr wohl in meiner Haut.
Herzliche Grüße
Dein Neffe Ibrahim
Ich brachte ein schlagendes Argument vor: Maulesel könnten sich nicht fortpflanzen, somit bestehe keine Gefahr, dass das Eselsblut meiner Ruhla die Ader der Kriegshengstrasse verpeste.
Schon die Tatsache, dass auf persischem Boden ein solches Ungetüm aus deiner Schule zur Welt gebracht wurde, ist strafbar, sagte der Richter.
Ich beteuerte, ich wäre unschuldig. Es war meine Eselin Ruhla, die sich einen Fehltritt erlaubt hatte. Der Richter, ein grimmiger Mann, blieb unbeugsam. Er hatte die eigenartige Gewohnheit, immer das gleiche Urteil zu fällen: der Angeklagte soll gehäutet werden.
Wenn du seine Geschichte hörst, wirst du verstehen, warum.
Sein Vater selig war Richter unter dem König Kambyses. Einmal, als er ein Urteil nicht nach dem Geschmack des Königs fällte, ließ ihn Kambyses häuten, seinen Richterstuhl mit der abgezogenen Haut überziehen und den Sohn des Ungelehrigen in das Richteramt einsetzten. Dieser fällte dann, in ständiger, heilsamer Hautfühlung mit seinem Vater königlichere Urteile. So ergab es sich, dass der Sohn-Richter ziemlich eintönig alle Angeklagten häuten ließ und mit derer Haut allerlei Sattlerarbeiten ausführen ließ.
Als ich vor ihn geführt wurde, begann er das Verhör wie folgt:
Wie groß bist du?
Einmeterachtundsechzig.
Brustumfang?
Zweiundachtzig.
Bundweite?
Achtzig.
Keine ausgesprochen Mannequinfigur, grunzte er. Er gibt gerade noch einen Küchenhocker ab.
Ich bin aber unschuldig, plädierte ich.
Küchenhocker also, sagte der Richter und wollte meinen Einwand nicht zur Kenntnis nehmen.
Lieber Onkel Habakuk, es waren schreckliche Augenblicke. Selbst der Gedanke an die delikaten Körperteile der Mägde, die einmal an meiner Haut herumrutschen sollten, gab mir in Anbetracht meines Loses keinen Trost. Ich glaube, dieser skrupellose Richter würde in der Not selbst das Fell seines Vaters zu Markte tragen und seinen Stuhl einem Antiquar verkaufen. Doch da das Philosophieren die Welt weder erklären noch verändern kann, halfen mir meine Überlegungen in dieser prekären Situation reichlich wenig. Der Richter begann meine Personalien aufzunehmen. Die braucht man für den Qualitätsnachweis, erklärte er mir.
Als er hörte, dass ich Jude bin, fragte er: bist du beschnitten?
Ja.
Ich hebe das Urteil auf. Der Sattler hätte mir dir nur Flickarbeiten, sagte er und ließ mich springen. Ich bin mir wieder sehr wohl in meiner Haut.
Herzliche Grüße
Dein Neffe Ibrahim
Donnerstag, 21. Januar 2010
WIE HABAKUK DIE WELT ERLEBTE 9
Ich bin immer noch in Indien auf Reisen, und habe nach wie vor mit meiner Eselin Ruhla Probleme. Sie ist übermütig, frech und störrisch wie ein Esel und ziemlich selbstgefällig. Sie wird in dieser Haltung dadurch bestärkt, dass sie weiß, das Gesetz würde hier die Tiere schützen. Wer ihnen etwas antut, wird hart bestraft. Ich dachte daran, sie nachts zu verprügeln, doch da begann sie fürchterlich zu iahen, dass sie alle weckte und ich von meinem Vorhaben ablassen musste. Ich war zu Tode erschrocken, man würde mich vor Gericht stellen. Am Tage vorher sah ich nämlich einen Gepfählten, dessen Schicksal mir großen Eindruck machte. Er stak auf einem Pfahl vor dem Stadttor und schaute so unglücklich und niedergeschlagen drein, dass mir bei seinem Anblick beinahe das Herz brach. Nicht einmal meinen Gruß erwiderte er. Er spuckte in meine Richtung und hauchte dann seine Seele aus.
Er wurde der Veruntreuung angeklagt, niemand konnte jedoch seine Schuld nachweisen.
Der Richter versuchte, ihm durch gutes Zureden ein Geständnis zu entlocken.
„Gesteh doch freiwillig, dann werden wir nur die Hände abgehackt“, ermunterte er ihn. „Solltest du verurteilt werden, so zieht man dir die Haut ab.“
Der Angeklagte gestand nichts.
Der Richter brüllte ihn an, er brüllte zurück.
„Du bist schuldig!“
„Ich bin unschuldig!“
„Schuldig bist du!“
„Unschuldig!“
Lange schrieen sich die beide auf diese Art an.
Dann kam die Wende.
„Ich rufe Manu zum Zeugen“, sagte der Angeklagte.
„Dies sollst du haben“, kam im der Richter entgegen. „Holt den Schlangenkorb!“, befahl er dem Gerichtsdiener.
Da verband man dem Angeklagten die Augen und hielt ihn an, aus dem Korb – eine giftige Schlange schummerte darin – den Ring des Richters herauszuholen.
„Ist Manu dein Zeuge, so wird er dich beschützen. Bist du aber schuldig, so lässt dich Manu im Stich.“
Der Mann war aber nicht nur unschuldig, einfallsreich war er auch. Er zog aus seiner Rocktasche eine Ratte, - wer weiß, ob er sie als Zwischenmahlzeit bei sich trug – und warf sie in den Korb. Die Schlange biss die Ratte, verspritzte ihr Gift und verschluckte sie und konnte in jenem Augenblick dem Angeklagten nichts anhaben. Er konnte unbekümmert im Korb herumfummeln und den Ring rausholen.
Er wurde von der Anklage der Veruntreuung freigesprochen. Man pfählte ihn, weil er ein Tier getötet hatte.
Solch erhabener Respekt vor Tieren, mein lieber Onkel Habakuk, wird mit der Zeit dazu führen, dass sich der Mensch nur noch von Menschenfleisch ernähren wird.
(Der Eselin Ruhla werde ich außerhalb der Landesgrenzen einen doppelten Prügel verabreichen.)
Es grüßt dich herzlich, Dein Neffe Ibrahim
Er wurde der Veruntreuung angeklagt, niemand konnte jedoch seine Schuld nachweisen.
Der Richter versuchte, ihm durch gutes Zureden ein Geständnis zu entlocken.
„Gesteh doch freiwillig, dann werden wir nur die Hände abgehackt“, ermunterte er ihn. „Solltest du verurteilt werden, so zieht man dir die Haut ab.“
Der Angeklagte gestand nichts.
Der Richter brüllte ihn an, er brüllte zurück.
„Du bist schuldig!“
„Ich bin unschuldig!“
„Schuldig bist du!“
„Unschuldig!“
Lange schrieen sich die beide auf diese Art an.
Dann kam die Wende.
„Ich rufe Manu zum Zeugen“, sagte der Angeklagte.
„Dies sollst du haben“, kam im der Richter entgegen. „Holt den Schlangenkorb!“, befahl er dem Gerichtsdiener.
Da verband man dem Angeklagten die Augen und hielt ihn an, aus dem Korb – eine giftige Schlange schummerte darin – den Ring des Richters herauszuholen.
„Ist Manu dein Zeuge, so wird er dich beschützen. Bist du aber schuldig, so lässt dich Manu im Stich.“
Der Mann war aber nicht nur unschuldig, einfallsreich war er auch. Er zog aus seiner Rocktasche eine Ratte, - wer weiß, ob er sie als Zwischenmahlzeit bei sich trug – und warf sie in den Korb. Die Schlange biss die Ratte, verspritzte ihr Gift und verschluckte sie und konnte in jenem Augenblick dem Angeklagten nichts anhaben. Er konnte unbekümmert im Korb herumfummeln und den Ring rausholen.
Er wurde von der Anklage der Veruntreuung freigesprochen. Man pfählte ihn, weil er ein Tier getötet hatte.
Solch erhabener Respekt vor Tieren, mein lieber Onkel Habakuk, wird mit der Zeit dazu führen, dass sich der Mensch nur noch von Menschenfleisch ernähren wird.
(Der Eselin Ruhla werde ich außerhalb der Landesgrenzen einen doppelten Prügel verabreichen.)
Es grüßt dich herzlich, Dein Neffe Ibrahim
Montag, 30. November 2009
WIE HABAKUK DIE WELT ERLEBTE 8
Lieber Onkel Habakuk. Ich mache zur Zeit eine Reise durch Mexiko. Da gibt es viel zu sehen, besonders die alten Pyramiden der Mayas und Azteken. Diese hatten ziemlich grausame Sitten, viele Menschenleben wurden den Göttern geopfert, und nicht selten wurde das Fleisch der Opfer auch verspiesen. Heute sieht alles ein wenig gesitteter aus, wenn auch zwischen diversen kriminellen Banden noch furchtbare Kämpfe ausgetragen werden.
Ich bin auf meiner Wanderung in einer Ortschaft vorbeigekommen, die San Juan Chamula heißt. Die Kirche ist sauber und hübsch, von außen könnte man meinen, sie wäre eine normale katholische Kirche. Doch weit gefehlt. Da herrscht zum Teil Heidentum. Hier werden Teufelaustreibungen zelebriert, Krankheiten durch Tieropfer behandelt und die Götter – denn sie haben davon viele – mit Coca Cola besänftigt. Auch Heilige gibt es hier in Scharen, zuvorderst Johannes der Täufer, der sogar über den Gekreuzigten herrscht. In dieser Kirche kann man eine merkwürdige Heiligenschar beobachten. Ein halbes Dutzend Statuen ist gleich links beim Eingang aufgestellt, als würden sie in London auf den Bus warten. Nicht weit oben, wie sonst in den Kirchen üblich ist, damit die Gläubigen zu ihnen hinaufblicken müssen, sondern auf einer langen, niedrigen Bank. Vor diesen Gestalten brennen keine Kerzen, knien keine Frommen, fuchteln keine Priester. Dennoch sind es in der Heiligenverehrung hoch stehende Persönlichkeiten, die sonst in aller Welt ehrfürchtig verehrt, in Prozessionen herumgetragen und wegen ihrer Wundekraft mit ex voto Tafeln beschenkt werden. Verwundert bleibt der Besucher vor dieser Reservebank heiliger Kämpfer stehen.
Die Erklärung für das Exil ist verblüffend logisch.
Die Kirche war einmal niedergebrannt. Aus den Trümmern konnte man die Statuen retten, doch dies bekam ihnen nicht gut. Die Gläubigen warfen ihnen vor, dass sie nicht einmal ihre eigene Kirche beschützen konnten. Welche Versager!
So wurden sie also in die Verbannung geschickt, in den Fond des Kirchenschiffs, und schämen sich immer noch vor aller Welt wegen ihrer Unterlassung. Dies ist aber nur ein Exil auf Bewährung. Sobald einer sich wieder zu einem Wunder aufrafft, darf er einen besseren Platz einnehmen.
Da weht ein frischer Wind, lieber Onkel. Die Zeit naht, wo man alle Versager zur Verantwortung ziehen wird: nicht nur Heilige, sondern auch Bankdirektoren, Generäle, Politiker, Ärzte und Weissager, wenn sie ihre Aufgabe nicht richtig erfüllen.
Es grüsst Dich ehrfürchtig Dein Neffe Ibrahim
Ich bin auf meiner Wanderung in einer Ortschaft vorbeigekommen, die San Juan Chamula heißt. Die Kirche ist sauber und hübsch, von außen könnte man meinen, sie wäre eine normale katholische Kirche. Doch weit gefehlt. Da herrscht zum Teil Heidentum. Hier werden Teufelaustreibungen zelebriert, Krankheiten durch Tieropfer behandelt und die Götter – denn sie haben davon viele – mit Coca Cola besänftigt. Auch Heilige gibt es hier in Scharen, zuvorderst Johannes der Täufer, der sogar über den Gekreuzigten herrscht. In dieser Kirche kann man eine merkwürdige Heiligenschar beobachten. Ein halbes Dutzend Statuen ist gleich links beim Eingang aufgestellt, als würden sie in London auf den Bus warten. Nicht weit oben, wie sonst in den Kirchen üblich ist, damit die Gläubigen zu ihnen hinaufblicken müssen, sondern auf einer langen, niedrigen Bank. Vor diesen Gestalten brennen keine Kerzen, knien keine Frommen, fuchteln keine Priester. Dennoch sind es in der Heiligenverehrung hoch stehende Persönlichkeiten, die sonst in aller Welt ehrfürchtig verehrt, in Prozessionen herumgetragen und wegen ihrer Wundekraft mit ex voto Tafeln beschenkt werden. Verwundert bleibt der Besucher vor dieser Reservebank heiliger Kämpfer stehen.
Die Erklärung für das Exil ist verblüffend logisch.
Die Kirche war einmal niedergebrannt. Aus den Trümmern konnte man die Statuen retten, doch dies bekam ihnen nicht gut. Die Gläubigen warfen ihnen vor, dass sie nicht einmal ihre eigene Kirche beschützen konnten. Welche Versager!
So wurden sie also in die Verbannung geschickt, in den Fond des Kirchenschiffs, und schämen sich immer noch vor aller Welt wegen ihrer Unterlassung. Dies ist aber nur ein Exil auf Bewährung. Sobald einer sich wieder zu einem Wunder aufrafft, darf er einen besseren Platz einnehmen.
Da weht ein frischer Wind, lieber Onkel. Die Zeit naht, wo man alle Versager zur Verantwortung ziehen wird: nicht nur Heilige, sondern auch Bankdirektoren, Generäle, Politiker, Ärzte und Weissager, wenn sie ihre Aufgabe nicht richtig erfüllen.
Es grüsst Dich ehrfürchtig Dein Neffe Ibrahim
Mittwoch, 25. November 2009
WIE HABAKUK DIE WELT ERLEBTE 7
Lieber Onkel. Meine Eselin Ruhla bringt mich beinahe zur Verzweiflung. Sie verursacht mir so viele Scherereien, dass ich mir schon überlegt habe, ob ich sie verkaufen soll. Doch zu einem Kamel reichen mir die Mittel nicht. Ferner möchte ich Dir gegenüber nicht respektlos und undankbar sein, weil ich das Geld, das Du mir immer wieder schickst, auf solchen Luxus ausgebe.
Gestern kam ich auf meiner Reise durch Indien in Vijayanagar an, wo bekanntlich rigorose Vorschriften für Ordnung und Sitte sorgen. Wieder einmal wollte sich meine Eselin nicht an die Gesetze halten. Hier ist nämlich nachts ausdrückliches Hupverbot vorgeschrieben, doch das Tier konnte es nicht lassen, vor der Münzstätte wegen einer kurzen Wartezeit wie ein Esel zu brüllen. Ich wurde sogleich über die Strasse geführt, zum Amt des Stadtpräfekten. Hier hat man mir eine empfindliche Busse aufgebrummt. Du kannst Dir vorstellen, dass ich „äußerst aufgebracht war. Nachträglich muss ich aber zugeben, dass dies auch seine gute Seite hatte, weil mich die Gegebenheit zu einer angenehmen Abwechslung verholfen hat.
Der Stadtpräfekt wohnt in einem großartigen Palast. Ich konnte meinen Augen kaum trauen: alles reich geschmückt, geschmacksvoll ornamentiert, die Möbel mit kostbaren Stoffen bezogen und mit Halbedelsteinen belegt, der Boden mit Intarsie aus verschiedenfarbigem Marmor, schlicht und einfach alles luxuriös. Was mich aber am meisten verblüfft hatte waren die unzähligen Polizisten, die im Palast, in der Parkanlage und um den Sitz des Präfekten herumstanden. Als dieser meine Verwunderung sah, sagte er stolz, dass ihm zwölftausend, ja sage und schreibe zwölftausend Polizisten unterstellt sind.
“Das ist ja ein Polizeistaat" rief ich aus. „Die Einwohner werden hier von den Steuern erdrückt, um so viele Beamten zu besolden."
Der Stadtpräfekt lächelte und sagte mir gütig, hier werde für die Besoldung der Polizei keine Rupie von Steuergeldern eingesetzt. Natürlich glaubte ich ihm kein Wort.
“Sie wollen mir doch nicht weismachen, ihre Polizisten würden aus Idealismus arbeiten!"
“Aus Idealismus gewiss nicht. Sie sind die bestbezahlten Beamten im Reich", belehrte mich der Präfekt.
Meine Verblüffung verriet ihm, dass ich ihm nicht recht glauben wollte.
“Kommen Sie mit mir", forderte er mich auf und führte mich zu einem hell erleuchteten Gebäude. Wenn an diesem Bau schon von außen alles so glänzte und glitzerte, dass einem vor Staunen Sehen und Hören vergingen, so war das noch nichts im Vergleich mit dem Glanz der Innenräume. Ich glaube, hier war es noch schöner als im Palast des Präfekten.
“Gehen Sie durch, ich warte auf Sie im Foyer", sagte mein Begleiter und setzte sich.
Ich ging durch. Lieber Onkel, es war eine Pracht! Der Palast war voll von hinreißend schönen Frauen. Ihre Schmeicheleien und verliebten Blicke, ihre Reize, die großzügig zur Schau getragen wurden waren unbeschreiblich, ja unwiderstehlich. (Was aber Ibrahim nicht beschreiben wollte, wird der diskrete Blogger auch nicht weiter erläutern.) Als ich nach langer Zeit im Foyer wieder auf den Stadtpräfekten traf, sagte er zu mir: „Sehen Sie, Sie haben der Polizei eine Goldrupie gestiftet."
Ich schaute ihn verständnislos an. „Ja Sie haben für Ihr Vergnügen zwei Goldrupien ausgegeben, davon geht die Hälfte, also eine Rupie zur Deckung der Polizeikosten. So einfach ist das, nicht wahr?"
“Drei", sagte ich leise.
Der Präfekt musterte mich anerkennend.
Siehst Du, Onkel Habakuk, es handelt sich hier um eine Art Frauensektion der Polizei. Sie funktioniert so gut, dass hier jeder Junge davon träumt, wegen der vorzüglichen Besoldung Polizist zu werden. So entstand ein Polizeistaat, der, wie alle Polizeistaaten, in Friede und Freude regiert wird. Der Name der hiesigen staatlichen Finanzquelle wird einmal vielleicht auf die ganze Staatsform übergehen. Ich glaube, unsere Urenkel werden diese Regierungsform nicht mehr „Polizeistaat" nennen, sondern nur noch „Bordell".
Mit herzlichen Grüssen
Dein Neffe Ibrahim
P.S. Am Abend habe ich meiner Eselin zur Versöhnung zwei Karotten mehr als üblich gegeben.
Gestern kam ich auf meiner Reise durch Indien in Vijayanagar an, wo bekanntlich rigorose Vorschriften für Ordnung und Sitte sorgen. Wieder einmal wollte sich meine Eselin nicht an die Gesetze halten. Hier ist nämlich nachts ausdrückliches Hupverbot vorgeschrieben, doch das Tier konnte es nicht lassen, vor der Münzstätte wegen einer kurzen Wartezeit wie ein Esel zu brüllen. Ich wurde sogleich über die Strasse geführt, zum Amt des Stadtpräfekten. Hier hat man mir eine empfindliche Busse aufgebrummt. Du kannst Dir vorstellen, dass ich „äußerst aufgebracht war. Nachträglich muss ich aber zugeben, dass dies auch seine gute Seite hatte, weil mich die Gegebenheit zu einer angenehmen Abwechslung verholfen hat.
Der Stadtpräfekt wohnt in einem großartigen Palast. Ich konnte meinen Augen kaum trauen: alles reich geschmückt, geschmacksvoll ornamentiert, die Möbel mit kostbaren Stoffen bezogen und mit Halbedelsteinen belegt, der Boden mit Intarsie aus verschiedenfarbigem Marmor, schlicht und einfach alles luxuriös. Was mich aber am meisten verblüfft hatte waren die unzähligen Polizisten, die im Palast, in der Parkanlage und um den Sitz des Präfekten herumstanden. Als dieser meine Verwunderung sah, sagte er stolz, dass ihm zwölftausend, ja sage und schreibe zwölftausend Polizisten unterstellt sind.
“Das ist ja ein Polizeistaat" rief ich aus. „Die Einwohner werden hier von den Steuern erdrückt, um so viele Beamten zu besolden."
Der Stadtpräfekt lächelte und sagte mir gütig, hier werde für die Besoldung der Polizei keine Rupie von Steuergeldern eingesetzt. Natürlich glaubte ich ihm kein Wort.
“Sie wollen mir doch nicht weismachen, ihre Polizisten würden aus Idealismus arbeiten!"
“Aus Idealismus gewiss nicht. Sie sind die bestbezahlten Beamten im Reich", belehrte mich der Präfekt.
Meine Verblüffung verriet ihm, dass ich ihm nicht recht glauben wollte.
“Kommen Sie mit mir", forderte er mich auf und führte mich zu einem hell erleuchteten Gebäude. Wenn an diesem Bau schon von außen alles so glänzte und glitzerte, dass einem vor Staunen Sehen und Hören vergingen, so war das noch nichts im Vergleich mit dem Glanz der Innenräume. Ich glaube, hier war es noch schöner als im Palast des Präfekten.
“Gehen Sie durch, ich warte auf Sie im Foyer", sagte mein Begleiter und setzte sich.
Ich ging durch. Lieber Onkel, es war eine Pracht! Der Palast war voll von hinreißend schönen Frauen. Ihre Schmeicheleien und verliebten Blicke, ihre Reize, die großzügig zur Schau getragen wurden waren unbeschreiblich, ja unwiderstehlich. (Was aber Ibrahim nicht beschreiben wollte, wird der diskrete Blogger auch nicht weiter erläutern.) Als ich nach langer Zeit im Foyer wieder auf den Stadtpräfekten traf, sagte er zu mir: „Sehen Sie, Sie haben der Polizei eine Goldrupie gestiftet."
Ich schaute ihn verständnislos an. „Ja Sie haben für Ihr Vergnügen zwei Goldrupien ausgegeben, davon geht die Hälfte, also eine Rupie zur Deckung der Polizeikosten. So einfach ist das, nicht wahr?"
“Drei", sagte ich leise.
Der Präfekt musterte mich anerkennend.
Siehst Du, Onkel Habakuk, es handelt sich hier um eine Art Frauensektion der Polizei. Sie funktioniert so gut, dass hier jeder Junge davon träumt, wegen der vorzüglichen Besoldung Polizist zu werden. So entstand ein Polizeistaat, der, wie alle Polizeistaaten, in Friede und Freude regiert wird. Der Name der hiesigen staatlichen Finanzquelle wird einmal vielleicht auf die ganze Staatsform übergehen. Ich glaube, unsere Urenkel werden diese Regierungsform nicht mehr „Polizeistaat" nennen, sondern nur noch „Bordell".
Mit herzlichen Grüssen
Dein Neffe Ibrahim
P.S. Am Abend habe ich meiner Eselin zur Versöhnung zwei Karotten mehr als üblich gegeben.
Sonntag, 15. November 2009
WIE HABAKUK DIE WELT ERLEBTE 6
Nach den schlechten Erfahrungen in Sparta lenkte ich meine Schritte gegen Attika. Es wird in Hellas auch friedfertige Leute geben, spekulierte ich. Doch weit gefehlt, mein lieber Onkel Habakuk. Wenn man mir in Sparta das Fürchten gelehrt hatte, so konnte ich in Athen das Gelernte sogleich anwenden. Einige zehn Meilen vor meinem Ziel, kurz nach der Herberge „Zum Schwulen Schäfer“ wurde ich von einer Meute von Wegelagerern überfallen. Ich konnte vor lauter Angst nicht einmal Grüß Zeus sagen. Im Nu war meine Reisetasche leer, die Oboli, die du mir liebenswürdigerweise vor kurzem erst geschickt hast, waren unter den Räubern verteilt, meine Eselin Ruhla war unter Freudenrufen abgeführt. Nichts Neues in dieser schrägen Welt, wirst du dir denken. Damit hört aber diese unselige Geschichte noch nicht auf. Meine Wegelagerer begnügten sich nicht mit einer schlichten Plünderung.
Procrustes, wir haben einen! Komm, Procrustes! Procrustes, hole dein Bett!, riefen sie im wüsten Durcheinander.
Ein großer, zotteliger, verrohter Mann trat aus dem Pinienwald. Unter seinem Arm trug er ein Eisenbett. Sein gebieterischer Blick ließ alle verstummen.
Dieser muss der Häuptling der Straßenräuber sein, dachte ich mir und hatte recht.
Bindet ihn fest! Befahl der Mann, den die anderen Procurustes nannten.
Viele Hände packten mich, im Handumdrehen war ich auf das Eisenbett gebunden. Procrustes trat hinzu und musterte mich von Kopf bis Fuß. Einmal, zweimal, dreimal durchmaß er mich mit seinen Augen. Dann nahm sein Gesicht einen enttäuschten, zornigen Ausdruck an und mit einem Fußtritt stieß er das Bett um.
Ich fiel auf das Gesicht. Das tat weh.
Nach einer Weile banden mich seine Leute los.
Glückspilz, sagte mir einer.
Warum, mein Freund, fragte ich. Man hat mich ausgeplündert, meine Eselin abgeführt, mich gefesselt, zu Boden geworfen, es leuchtet mir also nicht ein, warum ich dabei ein Glückspilz sein sollte.
Procrustes, antwortete mir dieser, bindet seine Opfer auf jenes Eisenbett. Ist einer kleiner als das Gerüst, so lässt er ihn so lange strecken bis er gleich lang ist; ist einer indes größer, so hackt er ihm die Füße ab. Du hast Glück, genau so lange zu sein, wie das Bett. Nicht einmal die Zehennägel konnte er dir schneiden.
Diese Gleichmacherei, lieber Onkel, scheint mir eine fragwürdige Sache. Wenn die Idee um sich greifen sollte, wo wird gewiss einmal einer lehren, es gäbe überhaupt keine Unterschiede zwischen den Menschen. Ob faul oder fleißig, ob gescheit oder dumm, ob tapfer oder feige, alle werden auf Standardmaß geschneidert. Man wird sie dann in Uniforme stecken und sie mit Nummern, statt mit Namen benennen.
Wenn aber alle gleich sind, wie wird man dann Weltmeister?
N.B. Meine Eselin Ruhla hat nachts den Strang durchgebissen und hat mich im Morgengrauen am Flussufer gefunden. Vielleicht schien ihr die Gesellschaft dieser rohen Gesellen auch nicht zu behagen.
Procrustes, wir haben einen! Komm, Procrustes! Procrustes, hole dein Bett!, riefen sie im wüsten Durcheinander.
Ein großer, zotteliger, verrohter Mann trat aus dem Pinienwald. Unter seinem Arm trug er ein Eisenbett. Sein gebieterischer Blick ließ alle verstummen.
Dieser muss der Häuptling der Straßenräuber sein, dachte ich mir und hatte recht.
Bindet ihn fest! Befahl der Mann, den die anderen Procurustes nannten.
Viele Hände packten mich, im Handumdrehen war ich auf das Eisenbett gebunden. Procrustes trat hinzu und musterte mich von Kopf bis Fuß. Einmal, zweimal, dreimal durchmaß er mich mit seinen Augen. Dann nahm sein Gesicht einen enttäuschten, zornigen Ausdruck an und mit einem Fußtritt stieß er das Bett um.
Ich fiel auf das Gesicht. Das tat weh.
Nach einer Weile banden mich seine Leute los.
Glückspilz, sagte mir einer.
Warum, mein Freund, fragte ich. Man hat mich ausgeplündert, meine Eselin abgeführt, mich gefesselt, zu Boden geworfen, es leuchtet mir also nicht ein, warum ich dabei ein Glückspilz sein sollte.
Procrustes, antwortete mir dieser, bindet seine Opfer auf jenes Eisenbett. Ist einer kleiner als das Gerüst, so lässt er ihn so lange strecken bis er gleich lang ist; ist einer indes größer, so hackt er ihm die Füße ab. Du hast Glück, genau so lange zu sein, wie das Bett. Nicht einmal die Zehennägel konnte er dir schneiden.
Diese Gleichmacherei, lieber Onkel, scheint mir eine fragwürdige Sache. Wenn die Idee um sich greifen sollte, wo wird gewiss einmal einer lehren, es gäbe überhaupt keine Unterschiede zwischen den Menschen. Ob faul oder fleißig, ob gescheit oder dumm, ob tapfer oder feige, alle werden auf Standardmaß geschneidert. Man wird sie dann in Uniforme stecken und sie mit Nummern, statt mit Namen benennen.
Wenn aber alle gleich sind, wie wird man dann Weltmeister?
N.B. Meine Eselin Ruhla hat nachts den Strang durchgebissen und hat mich im Morgengrauen am Flussufer gefunden. Vielleicht schien ihr die Gesellschaft dieser rohen Gesellen auch nicht zu behagen.
Samstag, 7. November 2009
WIE HABAKUK DIE WELT ERLEBTE 5
Nach einer beschwerlichen Reise kam ich in Saudi Arabien an. Meine Eselin Ruhla wollte ihren Augen nicht trauen: statt Eseln und Maultieren rasen hier sogenannte Autos auf den Strassen. Das sind Vehikel, lieber Onkel, die auf vier Rädern ohne Zugtiere fahren können. Nach einer Weile habe ich mich so an diese Zauberpferde gewöhnt, dass ich sie sogar zu streicheln wagte. Bis mich einer so angeschnauzt hat, dass mir dabei Angst und Bange wurde. Mir ist dabei aufgefallen, dass diese Autos nur von Männern abgerichtet wurden. „Können Frauen diese Tiere nicht ausreiten?“, fragte ich einen Weisen. „Sie könnten schon, doch sie dürfen nicht“, antwortete er mir lakonisch. „Warum, du Weiser, dürfen Frauen diese Autos nicht ausführen?“ „Das kommt davon, dass der Imam ein Fatwa erlassen hat, das dies den Frauen verbietet.“ Du weißt, mein Onkel, dass ich sehr neugierig bin. „Das verstehe ich nun wirklich nicht, ehrwürdiger Weiser.“ „Sie sollen Motorräder fahren“, fuhr er mich an. „Motorräder?“ „Ja, Motorräder!“ Das sind, solltest du wissen, wie diese Autos, nur nicht auf vier, sondern auf zwei Rädern und ohne umhegendem Schutzgehäuse. Ich habe mir diese Pferde näher angeschaut und gemerkt, dass dies für die Frauen ziemlich gefährlich werden kann. Sie müssen sich nämlich in sogenannte Burkas kleiden, lange Gewänder, die vom Kopf bis zu den Knöcheln reichen, die sich in den Rädern dieser Motorräder verfangen können. Da kann man aber ganz böse auf den Boden stürzen. „Ich glaube, das geht nicht“, gab ich dem Weisen zur Antwort. „Eben. Darum fahren sie auch keine Motorräder“. Als er mein erstauntes Gesicht sah, fuhr er fort. „Siehst du, mein unwissender Freund. Der Koran belehrt uns, dass Frauen nur halbe Männer sind. So darf eine Tochter nur die Hälfte dessen erben, was der Sohn bekommt (Sure 4, 12) und als Zeugen haben Frauen nur die halbe Stimme eines Mannes (Sure 2, 283). Rechnest du nach, so wirst sogar du verstehen, dass wenn Männer auf vier Rädern fahren, Frauen nur zwei Räder zustehen.“
Ich wollte dann wissen, ob es gemäß dieser Arithmetik früher auch Esel gab, die auf nur zwei Beinen liefen. „Das weiß ich nicht“, sagte der Weise. „Heute jedoch gibt es davon etliche.“
Ich wollte dann wissen, ob es gemäß dieser Arithmetik früher auch Esel gab, die auf nur zwei Beinen liefen. „Das weiß ich nicht“, sagte der Weise. „Heute jedoch gibt es davon etliche.“
Montag, 2. November 2009
WIE HABAKUK DIE WELT ERLEBTE 4
Ein alter Weltenbummler hat mir kürzlich geraten, die ewige Stadt zu besuchen. Wieso ewig?, habe ich ihn gefragt. Du Banause, erhielt ich zur Antwort. Schon Gottvater Jupiter bezeichnete Rom als Ewige Stadt. Wenn du es nicht glaubst, so lies doch bei Vergil nach! Vergil? Ja im Äneis, du Unwissender, belehrte mich der Globetrotter. Ich las Vergil und zog durstig nach neuen Eindrücken Richtung Rom. Der Weltenbummler hat mir eine gute Stadtbesichtigung vorbereitet, die ich mit der Basilika Sankt Paul vor den Mauern begonnen hatte.
Man schrieb das Jahr 1709 als ich vor den Toren Roms ankam. Ich kreuzte dort den Weg eines Reisenden aus Britannia.
Du kommst aus der Stadt, welche ich besuchten möchte, sagte ich ihm. Wo finde ich eine billige Herberge?, bat ich ihn um Rat.
Du möchtest in dieses Bordell?, entgegnete er.
Bordell nennst du die Ewige Stadt? Hat es dir denn in Rom nicht gefallen?
Nein, überhaupt nicht (notätall), sagte er. Hier wirst du die denkbar schlechteste Verwaltung finden. Meine Freude an der Stadtbesichtigung begann zu schwinden. Warum, edler Wanderer, urteilst du so hart?
Siehst du, in dieser Stadt besteht die Bevölkerung zu einem Viertel aus Priestern, zu einem Viertel aus Statuen und zu einem Viertel aus Nichtstuern. (Zit. B. Tuchman, Die Torheit der Regierenden, Ex Libris 1985, S. 169)
Das ist doch nur politische Agitation, dachte ich mir, doch ich biss mir auf die Zunge, denn ich wollte keinen Streit vom Zaun brechen. Wie war dann meine Enttäuschung groß, als ich nach einiger Zeit in Rom sein Urteil bestätigt fand. Ich habe gezählt und fand, dass die Bevölkerung zu einem Viertel aus Statuen und zur Hälfte aus Nichtstuern bestand, denn die Priester habe ich auch in diese Gruppe eingereiht. Eine Wahrsagerin, von denen es übrigens in Rom fast so viele gibt wie Priester und die ab und zu meine einsamen Nächte aufwärmte, erklärte mir, dass dies immer so bleiben wird. Wenn eine Stadt ewig ist, so bleibt sie immer gleich, war ihr Argument. Du wirst sehen, mein lieber Onkel Habakuk, dass in Rom selbst in dreihundert Jahren vorwiegend Statuen, Priester und sonstige Nichtstuer leben werden. Man würde diese, so meine Wahrsagerin, Politiker nennen.
(Fortsetzung folgt)
Man schrieb das Jahr 1709 als ich vor den Toren Roms ankam. Ich kreuzte dort den Weg eines Reisenden aus Britannia.
Du kommst aus der Stadt, welche ich besuchten möchte, sagte ich ihm. Wo finde ich eine billige Herberge?, bat ich ihn um Rat.
Du möchtest in dieses Bordell?, entgegnete er.
Bordell nennst du die Ewige Stadt? Hat es dir denn in Rom nicht gefallen?
Nein, überhaupt nicht (notätall), sagte er. Hier wirst du die denkbar schlechteste Verwaltung finden. Meine Freude an der Stadtbesichtigung begann zu schwinden. Warum, edler Wanderer, urteilst du so hart?
Siehst du, in dieser Stadt besteht die Bevölkerung zu einem Viertel aus Priestern, zu einem Viertel aus Statuen und zu einem Viertel aus Nichtstuern. (Zit. B. Tuchman, Die Torheit der Regierenden, Ex Libris 1985, S. 169)
Das ist doch nur politische Agitation, dachte ich mir, doch ich biss mir auf die Zunge, denn ich wollte keinen Streit vom Zaun brechen. Wie war dann meine Enttäuschung groß, als ich nach einiger Zeit in Rom sein Urteil bestätigt fand. Ich habe gezählt und fand, dass die Bevölkerung zu einem Viertel aus Statuen und zur Hälfte aus Nichtstuern bestand, denn die Priester habe ich auch in diese Gruppe eingereiht. Eine Wahrsagerin, von denen es übrigens in Rom fast so viele gibt wie Priester und die ab und zu meine einsamen Nächte aufwärmte, erklärte mir, dass dies immer so bleiben wird. Wenn eine Stadt ewig ist, so bleibt sie immer gleich, war ihr Argument. Du wirst sehen, mein lieber Onkel Habakuk, dass in Rom selbst in dreihundert Jahren vorwiegend Statuen, Priester und sonstige Nichtstuer leben werden. Man würde diese, so meine Wahrsagerin, Politiker nennen.
(Fortsetzung folgt)
Freitag, 30. Oktober 2009
WIE HABAKUK DIE WELT ERLEBTE 3
Während ich diese Zeilen schreibe, sitzt Du vermutlich friedlich vor Deiner Hütte, ziehst ab und zu an Deiner Pfeife und genießt den Frieden. Bei mir geht es nicht so sanft und behaglich zu und her. Die Reise, auf die Du mich geschickt hast, ist meistens mühselig und oft sogar recht gefährlich. Nicht selten beneide ich Dich, der doch all das, was ich unter Beschwerden erlebe, gemütlich hinter dem Ofen erfährt.
Heute ist mir ein großer Schreck in die Knochen gefahren. Ich hielt auf die Stadt Sparta zu. Plötzlich, kaum in Sichtweite der Stadtmauern, hörte ich Lärm und Waffengeklirr. Hurtig versteckte ich mich mit meiner Eselin Ruhla hinter einem Felsvorsprung und spähte vorsichtig in die Richtung, wo die Schreie und Schläge herkamen. Was ich da erblickte, war ein erbarmungsloses Gemetzel. Eine furchtbare Schlacht wütete vor den Toren Spartas. Wutentbrannt und hasserfüllt stürzten sich die Kämpfenden aufeinander, offensichtlich entschlossen, allen Gegnern den Garaus zu machen. Und mir obendrein auch. Eine lähmende Angst und eine tiefe Trauer befielen mein Herz. Lange sah ich starr diesem sinnlosen Treiben zu. Als ich endlich, nach etwa zwei Stunden, der Stadt den Rücken kehren und wieder abziehen wollte, fiel mir plötzlich etwas Merkwürdiges auf. Obwohl diese Krieger unentwegt aufeinander einhieben, gab es dennoch weder Tote noch Verletzte. Es ist doch unmöglich, ging es durch meinen Kopf, dass bei diesem grimmigen Kampf niemand gefallen ist. Ich konnte niemanden erblicken, der auf dem Boden lag. Ich wurde stutzig, das schien mir wirklich eigenartig. Gespannt verfolgte ich nun alle Einzelheiten der Schlacht, doch ich konnte nicht auf den Grund dieses Rätsels kommen. Und dann geschah etwas Unheilvolles. Meine Eselin begann zu iahen und verriet damit mein Versteck. Wie auf ein Kommando hörte die Kampfszene auf und ich war im Nu von schwer bewaffneten, grimmigen Hünen umgeben. Sie nahmen mich gefangen, verhörten mich, denn sie wollte wissen, ob ich ein Spion aus Athen war, oder gar aus Kleinasien. Sie waren plötzlich versöhnt, nichts in ihrem Gehabe deutete darauf hin, dass sie sich noch vor wenigen Augenblicken umbringen wollten. Als sich meine Unschuld herausstellte, klopften sie alle auf meine Schulter und ließen mich laufen.
Lange blieb mir der Sinn der geschilderten Szene verborgen. Erst später erzählte mir ein Berichterstatter namens Plutarch, dass ich bei den Spartanern nicht eine Schlacht, sondern nur eine Kriegsübung gesehen hatte. Der Lebensstil dieser Kämpfer, ihre Kriegsübungen seien sehr hart, so hart, dass er nur in Kriegszeiten ein wenig gelockert wird. Scherzend fügte er hinzu, dass dort die einzige Erholung von den Kriegsübungen der Krieg sei.
Und wenn kein Krieg kommt, wollte ich vom Kollegen wissen? Dann üben sie eben hart weiter.
Onkel Habakuk, wenn das Schule macht, dann wird es einmal Menschen geben, die ihren ganzen Einsatz dem Geldverdienen widmen werden, ohne fürs Geldausgeben Zeit zu finden, oder solche, die so lange planen werden, dass sie am Schluss keine Gelegenheit für das Ausführen erhalten werden. Andere werden stets Träumen nachrennen ohne zu leben.
(Fortsetzung folgt)
Heute ist mir ein großer Schreck in die Knochen gefahren. Ich hielt auf die Stadt Sparta zu. Plötzlich, kaum in Sichtweite der Stadtmauern, hörte ich Lärm und Waffengeklirr. Hurtig versteckte ich mich mit meiner Eselin Ruhla hinter einem Felsvorsprung und spähte vorsichtig in die Richtung, wo die Schreie und Schläge herkamen. Was ich da erblickte, war ein erbarmungsloses Gemetzel. Eine furchtbare Schlacht wütete vor den Toren Spartas. Wutentbrannt und hasserfüllt stürzten sich die Kämpfenden aufeinander, offensichtlich entschlossen, allen Gegnern den Garaus zu machen. Und mir obendrein auch. Eine lähmende Angst und eine tiefe Trauer befielen mein Herz. Lange sah ich starr diesem sinnlosen Treiben zu. Als ich endlich, nach etwa zwei Stunden, der Stadt den Rücken kehren und wieder abziehen wollte, fiel mir plötzlich etwas Merkwürdiges auf. Obwohl diese Krieger unentwegt aufeinander einhieben, gab es dennoch weder Tote noch Verletzte. Es ist doch unmöglich, ging es durch meinen Kopf, dass bei diesem grimmigen Kampf niemand gefallen ist. Ich konnte niemanden erblicken, der auf dem Boden lag. Ich wurde stutzig, das schien mir wirklich eigenartig. Gespannt verfolgte ich nun alle Einzelheiten der Schlacht, doch ich konnte nicht auf den Grund dieses Rätsels kommen. Und dann geschah etwas Unheilvolles. Meine Eselin begann zu iahen und verriet damit mein Versteck. Wie auf ein Kommando hörte die Kampfszene auf und ich war im Nu von schwer bewaffneten, grimmigen Hünen umgeben. Sie nahmen mich gefangen, verhörten mich, denn sie wollte wissen, ob ich ein Spion aus Athen war, oder gar aus Kleinasien. Sie waren plötzlich versöhnt, nichts in ihrem Gehabe deutete darauf hin, dass sie sich noch vor wenigen Augenblicken umbringen wollten. Als sich meine Unschuld herausstellte, klopften sie alle auf meine Schulter und ließen mich laufen.
Lange blieb mir der Sinn der geschilderten Szene verborgen. Erst später erzählte mir ein Berichterstatter namens Plutarch, dass ich bei den Spartanern nicht eine Schlacht, sondern nur eine Kriegsübung gesehen hatte. Der Lebensstil dieser Kämpfer, ihre Kriegsübungen seien sehr hart, so hart, dass er nur in Kriegszeiten ein wenig gelockert wird. Scherzend fügte er hinzu, dass dort die einzige Erholung von den Kriegsübungen der Krieg sei.
Und wenn kein Krieg kommt, wollte ich vom Kollegen wissen? Dann üben sie eben hart weiter.
Onkel Habakuk, wenn das Schule macht, dann wird es einmal Menschen geben, die ihren ganzen Einsatz dem Geldverdienen widmen werden, ohne fürs Geldausgeben Zeit zu finden, oder solche, die so lange planen werden, dass sie am Schluss keine Gelegenheit für das Ausführen erhalten werden. Andere werden stets Träumen nachrennen ohne zu leben.
(Fortsetzung folgt)
Mittwoch, 28. Oktober 2009
WIE HABAKUK DIE WELT ERLEBTE 2
Kürzlich kam ich, mein guter Onkel Habakuk, durch ein kleines Land. Die Grenzen waren hier so eng gesteckt, dass man keinen Platz hatte, die ganze, zur Verfügung stehende Oberfläche auszubreiten. Da man das Land aber irgendwie unterbringen musste, tat man dies behelfsmäßig und zwängte die Fläche in die engen Grenzen. Das Land sah dann aus, wie ein zerknittertes Blatt Papier mit großen Furchen und Unebenheiten, die man „Alpen“ benannte. Dem Ländchen aber gab man den Namen „Schweiz“.
Das Schöne in diesem Lande ist, dass es hier keine Tyrannen gibt (abgesehen von einigen Schwiegermüttern). Das Volk regiert sich selbst, und wenn eine wichtige Entscheidung zu treffen ist, wird das nicht durch Magnaten und Könige gefällt, sondern eben durch alle Männer (und in der neuesten Zeit auch von allen Frauen). Man veranstaltet eine Volksbefragung und jeder Bürger darf seine Meinung äußern. Der Wille der Mehrheit wird dann umgesetzt, Willkür und Zufall, die nur zu oft das Geschick der Menschen lenken, sind hier aus dem Leben der Gesellschaft gebannt.
Ich habe kürzlich eine solche Volksbefragung erlebt. Man hat darüber entscheiden müssen, ob man den Fremden, die durch das Land ziehen, eine Glocke um den Hals binden soll, damit jeder schon von fern gewarnt sei und so beizeiten diesen Leuten aus dem Wege gehen könne. Ich habe mich, lieber Onkel Habakuk, auf dem Dorfplatz eingefunden, denn ich wollte die Volksbefragung aus der Nähe erleben. Sicherheitshalber habe ich meiner Eselin Ruhla eine Glocke umgehängt und für mich hielt ich ebenfalls ein Glöcklein bereit, damit ich es je nach Ausgang der Sachen mir gleich umbinden konnte.
Man hat mir gesagt, es würden in diesem Dorfe hundertneunzehn Schweizer wohnen. Bis zum Abend kamen jedoch nur dreiunddreißig vorbei, um ihren Willen kundzutun. Einundzwanzig sprachen sich für die Glocke aus. Da sich aber sechsundachtzig nicht blicken ließen, ging die Befragung so aus, dass die einundzwanzig Menschen bestimmen konnten, was alle hundertneunzehn betraf. Ich war etwas überrascht, dass so wenige ein neues Gesetz erlassen konnten. „Die anderen hatten dazu keine Meinung“, sagte mir einer.
Da kam mir der alte Solon, Athens Gesetzgeber in den Sinn. Der hatte rund zweieinhalb Jahrtausende vorher ein Gesetz erlassen, welches jeden für ehrlos erklärte, der sich bei einem Aufstand zu keiner Partei schlug. Damals konnte man sich nicht so leicht aus den politischen Wirren heraushalten, wie heute in der Schweiz. Jeder hatte sich also eine Meinung zu bilden. Was jedoch den Schweizern zum Vorteil gereicht ist, dass einer, der keine Meinung hat, sie auch nicht jedes Mal zu ändern braucht, wenn der Wind aus einer anderen Richtung zu wehen beginnt.
Übrigens, lieber Onkel Habakuk, ich habe mich inzwischen schon recht gut an das Glöcklein gewöhnt, das ich um den Hals trage. Nur meine Eselin Ruhla bäumt sich stets gegen ihr Schicksal auf, mit der Begründung, sie wäre doch kein Schaf. Wie wenn ein Schaf dümmer wäre als eine Eselin.
Das Schöne in diesem Lande ist, dass es hier keine Tyrannen gibt (abgesehen von einigen Schwiegermüttern). Das Volk regiert sich selbst, und wenn eine wichtige Entscheidung zu treffen ist, wird das nicht durch Magnaten und Könige gefällt, sondern eben durch alle Männer (und in der neuesten Zeit auch von allen Frauen). Man veranstaltet eine Volksbefragung und jeder Bürger darf seine Meinung äußern. Der Wille der Mehrheit wird dann umgesetzt, Willkür und Zufall, die nur zu oft das Geschick der Menschen lenken, sind hier aus dem Leben der Gesellschaft gebannt.
Ich habe kürzlich eine solche Volksbefragung erlebt. Man hat darüber entscheiden müssen, ob man den Fremden, die durch das Land ziehen, eine Glocke um den Hals binden soll, damit jeder schon von fern gewarnt sei und so beizeiten diesen Leuten aus dem Wege gehen könne. Ich habe mich, lieber Onkel Habakuk, auf dem Dorfplatz eingefunden, denn ich wollte die Volksbefragung aus der Nähe erleben. Sicherheitshalber habe ich meiner Eselin Ruhla eine Glocke umgehängt und für mich hielt ich ebenfalls ein Glöcklein bereit, damit ich es je nach Ausgang der Sachen mir gleich umbinden konnte.
Man hat mir gesagt, es würden in diesem Dorfe hundertneunzehn Schweizer wohnen. Bis zum Abend kamen jedoch nur dreiunddreißig vorbei, um ihren Willen kundzutun. Einundzwanzig sprachen sich für die Glocke aus. Da sich aber sechsundachtzig nicht blicken ließen, ging die Befragung so aus, dass die einundzwanzig Menschen bestimmen konnten, was alle hundertneunzehn betraf. Ich war etwas überrascht, dass so wenige ein neues Gesetz erlassen konnten. „Die anderen hatten dazu keine Meinung“, sagte mir einer.
Da kam mir der alte Solon, Athens Gesetzgeber in den Sinn. Der hatte rund zweieinhalb Jahrtausende vorher ein Gesetz erlassen, welches jeden für ehrlos erklärte, der sich bei einem Aufstand zu keiner Partei schlug. Damals konnte man sich nicht so leicht aus den politischen Wirren heraushalten, wie heute in der Schweiz. Jeder hatte sich also eine Meinung zu bilden. Was jedoch den Schweizern zum Vorteil gereicht ist, dass einer, der keine Meinung hat, sie auch nicht jedes Mal zu ändern braucht, wenn der Wind aus einer anderen Richtung zu wehen beginnt.
Übrigens, lieber Onkel Habakuk, ich habe mich inzwischen schon recht gut an das Glöcklein gewöhnt, das ich um den Hals trage. Nur meine Eselin Ruhla bäumt sich stets gegen ihr Schicksal auf, mit der Begründung, sie wäre doch kein Schaf. Wie wenn ein Schaf dümmer wäre als eine Eselin.
Dienstag, 27. Oktober 2009
WIE HABAKUK DIE WELT ERLEBTE: 1 ( VORWORT)
Es ist schon sehr lange her, dass Ibrahim seinen Briefwechsel mit Onkel Habakuk begann. Damals war er noch ein Jüngling mit flaumigem Bart und mit kräftigen Armen. Inzwischen lastet das Gewicht vieler Jahre auf seinen Schultern. Heute ist sein Gesicht von tausend Falten durchfurcht und der Wanderstab zittert in seiner müden Hand. Denn Ibrahimn ist sehr-sehr alt. Viertausendsiebenhundertzwölf Jahre alt, wenn man genau sein will. Das gibt es nicht, wird mir jeder sagen, so alt kann dieser Ibrahim nicht sein! Und doch ist es so; sein Onkel Habakuk ist sogar noch etwas älter.
Dieser Habakuk schickte einst vor Jahrtausenden seinen Neffen auf die Reise.
Geh, Ibrahim, sprach er, und schau dir die Welt an! Reise mit offenen Augen, betrachte aufmerksam, was dir begegnet und suche die Wahrheit über den Menschen. Du sollst herausfinden, woher der Mensch kommt und wohin er geht, was in seinem Herzen wohnt, warum er liebt oder hasst, warum er lacht oder weint.
Der Jüngling Ibrahim sattelte fügsam seine Eselin Ruhla, lud ihr zwei Reisesäcke auf und ergriff den Wanderstab. Voreilig versprach er seinem Onkel, bald wiederzukehren, um die gestellten Fragen zu beantworten. Als Habakuk dies hörte, schmunzelte er verstohlen. Er bat seinen Neffen, ihm zu schreiben, was in der Welt zu sehen ist und liess ihn ziehen.
Seit jenem Tag treibt sich Ibrahim in der Welt herum, wandert rastlos von Land zu Land und sucht die Antworten auf die Fragen seines Onkels. Er schreibt ihm oft und berichtet, was ihm widerfährt. Doch die Wahrheit über den Menschen war ihm noch nie begegnet.
Die Schilderungen Ibrahims haben sich mit der Zeit angehäuft. Seine Briefe füllten allmählich grosse Bände, die Bände Regale, die Regale grosse Räume, bis schliesslich Habakuk die grösste Bibliothek der Welt besass.
Als ich dem Alten zum ersten Mal begenete, - denn ich kenne Onkel Habakuk -, wollte ich meinen Augen kaum trauen. An einem schönen Sonnenabend, als ich im Walde spazierte, stand unvermutet ein kleines, uraltes Männlein vor mir. Er war mit den Jahren geschrumpft, kaum grösser war er als die Pilze, die am Stamm der Bäume wachsen. Ich hätte ihn vielleicht gar nicht beachtet, wenn er mich nicht gegrüsst hätte. Wir kamen ins Gespräch und so erfuhr ich von der Geschichte seines Neffen Ibrahim.
Ich besuchte ihn dann öfters, mit der Zeit wurden wir Freunde, bis ich ihn auch nur "Onkel Habakuk" nannte, wie sein Neffe in seinen Briefen.
Erlaubst du mir, Onkel Habakuk, fragte ich ihn, dass ich die Briefe des Ibrahim lese?
Er hatte nichts dagegen, bat mich sogar, ihm laut vorzulesen weil seine Augen schon schwach waren und er kaum mehr sehen konnte. So ging ich jeden Sonntag zu ihm, las ihm die Abenteuer seines Neffen vor und bekam auf diese Weise zu wissen, was Ibrahim erlebt hatte. Wir verbrachten viele Stunden zusammen, der Alte und ich. Wir freuten uns gemeinsam, wenn die Post von Ibrahim eintraf. Viele Geschichten hatte er geschrieben, nur auf die Frage, was Wahrheit ist und das Geheimnis des Menschen, konnte Ibrahim bis heute nicht antworten.
(Fortsetzung folgt)
Dieser Habakuk schickte einst vor Jahrtausenden seinen Neffen auf die Reise.
Geh, Ibrahim, sprach er, und schau dir die Welt an! Reise mit offenen Augen, betrachte aufmerksam, was dir begegnet und suche die Wahrheit über den Menschen. Du sollst herausfinden, woher der Mensch kommt und wohin er geht, was in seinem Herzen wohnt, warum er liebt oder hasst, warum er lacht oder weint.
Der Jüngling Ibrahim sattelte fügsam seine Eselin Ruhla, lud ihr zwei Reisesäcke auf und ergriff den Wanderstab. Voreilig versprach er seinem Onkel, bald wiederzukehren, um die gestellten Fragen zu beantworten. Als Habakuk dies hörte, schmunzelte er verstohlen. Er bat seinen Neffen, ihm zu schreiben, was in der Welt zu sehen ist und liess ihn ziehen.
Seit jenem Tag treibt sich Ibrahim in der Welt herum, wandert rastlos von Land zu Land und sucht die Antworten auf die Fragen seines Onkels. Er schreibt ihm oft und berichtet, was ihm widerfährt. Doch die Wahrheit über den Menschen war ihm noch nie begegnet.
Die Schilderungen Ibrahims haben sich mit der Zeit angehäuft. Seine Briefe füllten allmählich grosse Bände, die Bände Regale, die Regale grosse Räume, bis schliesslich Habakuk die grösste Bibliothek der Welt besass.
Als ich dem Alten zum ersten Mal begenete, - denn ich kenne Onkel Habakuk -, wollte ich meinen Augen kaum trauen. An einem schönen Sonnenabend, als ich im Walde spazierte, stand unvermutet ein kleines, uraltes Männlein vor mir. Er war mit den Jahren geschrumpft, kaum grösser war er als die Pilze, die am Stamm der Bäume wachsen. Ich hätte ihn vielleicht gar nicht beachtet, wenn er mich nicht gegrüsst hätte. Wir kamen ins Gespräch und so erfuhr ich von der Geschichte seines Neffen Ibrahim.
Ich besuchte ihn dann öfters, mit der Zeit wurden wir Freunde, bis ich ihn auch nur "Onkel Habakuk" nannte, wie sein Neffe in seinen Briefen.
Erlaubst du mir, Onkel Habakuk, fragte ich ihn, dass ich die Briefe des Ibrahim lese?
Er hatte nichts dagegen, bat mich sogar, ihm laut vorzulesen weil seine Augen schon schwach waren und er kaum mehr sehen konnte. So ging ich jeden Sonntag zu ihm, las ihm die Abenteuer seines Neffen vor und bekam auf diese Weise zu wissen, was Ibrahim erlebt hatte. Wir verbrachten viele Stunden zusammen, der Alte und ich. Wir freuten uns gemeinsam, wenn die Post von Ibrahim eintraf. Viele Geschichten hatte er geschrieben, nur auf die Frage, was Wahrheit ist und das Geheimnis des Menschen, konnte Ibrahim bis heute nicht antworten.
(Fortsetzung folgt)
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