Montag, 11. Februar 2013
Alterssonne
Noch ziehen sie lange Schatten,
die ersten lauen Strahlen des jungen Frühlings
und locken die Alten hervor,
streicheln die spröde Haut
und trocknen die feuchten Augen;
stiller Genuss vor dem nahenden Abschied.
Samstag, 8. Dezember 2012
Donnerstag, 6. Dezember 2012
Die Kehrseite der Medaille
Der Fortschritt hielt auch in Zimbabwe Einzug. Ein Schamane hat eine revolutionäre Entdeckung gemacht: spritzt eine Frau Pavianurin in ihre Scheide, wird ihr Ehemann nach dem Geschlechtsakt verzaubert und so treu, dass er nicht einmal an eine andere Frau denken, geschweige denn untreu werden kann. In Bulawayo, der zweitgrössten Stadt des Landes sind die Damen aller Bevölkerungsschichten so scharf auf das Mittel, dass der Preis von Pavianurin in letzter Zeit in die Höhe geschnellt ist. (Vgl. Corriere del Ticino, 6. Dezember 2012, S. 48)
Eine hervorragende Geschäftsidee, könnte man meinen. Ich habe mir vorgestellt, in Italien würde jemand grosse Farmen zur Züchtung von Pavianen errichten und das Land mit dem Wundermittel versorgen. Selbst Berlusconi wäre dann treu und würde als reumütiger Sünder eine Dosis an Dominique Strauss-Kahn zu Weihnachten schenken. Die Beichtväter könnten auf Teilarbeit umstellen und die Privatdetektive hätten viel Zeit zum Nachdenken. Der Pavianfarmer käme zu grossem Reichtum. Die einzige Kategorie, die sich beklagen würde, wäre jene des Sexgewerbes. Nach anfänglicher Krise würden aber die leichten Damen zu Gegenmassnahmen greifen. Sie würden sich dann selbst den Affenurin einspritzen und dadurch ihre Freier, die jetzt natürlich nur unverheiratete Männer wären, in Treue an sich binden. Mittelfristig hätte dies aber katastrophale Konsequenzen. Die verhexten Junggesellen würden nicht heiraten, die Geburtenrate ginge zurück, die Institution „Familie“ wäre ernsthaft bedroht. Es bestünde Handlungsbedarf. Das Parlament müsste per Dekret die Anwendung des Wundermittels verbieten und der Papst schriebe eine Enzyklika „Papii sacra urina“, worin er das Treueelixier in den Sündenkatalog zusammen mit Verhütungsmittel und coitus interruptus aufnehmen würde. Der Pendel schlüge zurück: die Pavianfarme könnten nicht mehr wirtschaftlich rentabel betrieben werden, man würde die Affen freilassen und sie würden die Strassen der italienischen Städte bevölkern…. Beichtväter müssten wieder Überstunden leisten und der Italiener würde wieder fremd gehen.
Ein unwürdiges Szenarium!
Dienstag, 27. November 2012
Wenn man sich selber Liebesbriefe schreibt
Die Schwester Karls II, Prinzessin von England und Schwägerin von Ludwig XIV, schlicht „Madame“ genannt, lebte am französischen Hof. Ludwig gefiel sie nebst anderen Damen und kokettierte gerne mit ihr. Der König schickte ihr nette Gedichte, sie antwortete. Skurril ist der Umstand, dass der König den Marquis de Dangeau mit dem Abfassen der Briefe betraute, und die Prinzessin ebenfalls diesen de Dangeau mit der Antwort beauftragte, ohne dass beide wussten, dass dieselbe Person ihre Zeilen geschrieben hatte. (Voltaire, Le siècle de Louis XIV, Éditions Gallimard, 1957, S.904)
De Dangeau dachte sich wohl mit Zuckmayer: Als wär’s ein Stück von mir.
Sonntag, 11. November 2012
Ist doch logisch ...
In Iran zerfällt der Wert der Landeswährung Rial in galoppierendem Tempo. Was tun, fragen sich die politischen Hardliner. Es liegt auf der Hand: die Einfuhr einschränken. In erster Linie jene der teuren Güter. Waffen etwa, auch Uran oder Spitzentechnologie für die Herstellung von Atombomben. Nein doch, dem wollen Mohammeds Getreue nicht entsagen. Also sollen es die Luxusgüter sein. Das Volk mag etwa auf Autos, auf Laptops, Uhren, Mobiltelefone, Kaffee und – hört, hört – auf Toilettenpapier verzichten! (vgl. Neue Zürcher Zeitung, 9. 11. 2012, S. 2) Ich habe mich gefragt, warum Toilettenpapier unter die Luxusgüter fällt? Dann kam mir die Erleuchtung. Warum in aller Welt sollten Menschen die Notdurft verrichten, wenn sie schon nichts zu essen haben?
Donnerstag, 25. Oktober 2012
La clef des champs
Wir schauen durch das Fenster und erblicken eine Wiese, eine Baumgruppe und Sträucher.
Was gibt es Gewöhnlicheres? Eine alltägliche Wahrnehmung. Plötzlich kommt ein Stein zu fliegen und zertrümmert die Fensterscheibe. Die Scherben fallen zu Boden, doch etwas Befremdendes geschieht: Wiese, Bäume und Sträucher bleiben am Glas haften. Sahen wir nicht die Natur hinter dem Fenster, sondern ein naturgetreu gemaltes Bild? Nein, denn durch die Öffnung bietet sich unserem Blick das gleiche Bild wie vorher: eine Wiese, eine Baumgruppe und Sträucher. Es sei denn, dass auch diese Landschaft auf eine Scheibe, eine zweite also, gemalt ist. Wie viele Schichten gibt es dann? Und wie sieht das wirkliche Bild dahinter aus? Die reale Welt? Oder ist unsere Erkenntnis eine Illusion? Die Wirklichkeit? Was ist sie eigentlich? Wir meinen, sie wahrzunehmen, erliegen aber einer Täuschung. Die Hirnforschung hat es aufgezeigt: die Bilder von der Aussenwelt treten als Reize durch unsere Sinne in unser Bewusstsein und werden durch unser Gehirn produziert. Thomas von Aquin meinte: quidquid recipitur, ad modum recipientis reciptur, was wahrgenommen wird, wird gemäss der Bedingungen des Wahrnehmenden erfasst. „Das Ding an sich“ ist uns nicht zugänglich, meinte Kant.
Wir sind, wie eine Fliege auf der Fensterscheibe: wir sehen nach aussen, möchten dorthin, verstehen aber nicht, warum wir es nicht schaffen. Etwas hindert uns daran, dorthin zu gelangen. Was? Die Scheibe eben. Doch diese sehen wir nicht, denn sie ist durchsichtig.
Das Bild hat übrigens René Magritte gemalt.
Mittwoch, 17. Oktober 2012
Die drei Schwestern
Enyo, Pemphredo und Deino, oh, ihr Töchter des Phorkys,
wie seid ihr uns Menschen so ähnlich,
ihr „Alten Frauen des Meeres“.
Ein Zahn nur für die drei und ein einzges Auge,
welch trauriges Los!
Will die eine sehen, bleibt die zweite blind und die dritte,
geniesst die erste, darben die Schwestern.
So geht es uns allen: die Schau des einen bleibt allen verschleiert,
kommt das Glück zu dir, so brach es deinem Bruder die Treue.
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