Donnerstag, 6. Dezember 2012

Die Kehrseite der Medaille

Der Fortschritt hielt auch in Zimbabwe Einzug. Ein Schamane hat eine revolutionäre Entdeckung gemacht: spritzt eine Frau Pavianurin in ihre Scheide, wird ihr Ehemann nach dem Geschlechtsakt verzaubert und so treu, dass er nicht einmal an eine andere Frau denken, geschweige denn untreu werden kann. In Bulawayo, der zweitgrössten Stadt des Landes sind die Damen aller Bevölkerungsschichten so scharf auf das Mittel, dass der Preis von Pavianurin in letzter Zeit in die Höhe geschnellt ist. (Vgl. Corriere del Ticino, 6. Dezember 2012, S. 48) Eine hervorragende Geschäftsidee, könnte man meinen. Ich habe mir vorgestellt, in Italien würde jemand grosse Farmen zur Züchtung von Pavianen errichten und das Land mit dem Wundermittel versorgen. Selbst Berlusconi wäre dann treu und würde als reumütiger Sünder eine Dosis an Dominique Strauss-Kahn zu Weihnachten schenken. Die Beichtväter könnten auf Teilarbeit umstellen und die Privatdetektive hätten viel Zeit zum Nachdenken. Der Pavianfarmer käme zu grossem Reichtum. Die einzige Kategorie, die sich beklagen würde, wäre jene des Sexgewerbes. Nach anfänglicher Krise würden aber die leichten Damen zu Gegenmassnahmen greifen. Sie würden sich dann selbst den Affenurin einspritzen und dadurch ihre Freier, die jetzt natürlich nur unverheiratete Männer wären, in Treue an sich binden. Mittelfristig hätte dies aber katastrophale Konsequenzen. Die verhexten Junggesellen würden nicht heiraten, die Geburtenrate ginge zurück, die Institution „Familie“ wäre ernsthaft bedroht. Es bestünde Handlungsbedarf. Das Parlament müsste per Dekret die Anwendung des Wundermittels verbieten und der Papst schriebe eine Enzyklika „Papii sacra urina“, worin er das Treueelixier in den Sündenkatalog zusammen mit Verhütungsmittel und coitus interruptus aufnehmen würde. Der Pendel schlüge zurück: die Pavianfarme könnten nicht mehr wirtschaftlich rentabel betrieben werden, man würde die Affen freilassen und sie würden die Strassen der italienischen Städte bevölkern…. Beichtväter müssten wieder Überstunden leisten und der Italiener würde wieder fremd gehen. Ein unwürdiges Szenarium!

Dienstag, 27. November 2012

Wenn man sich selber Liebesbriefe schreibt

Die Schwester Karls II, Prinzessin von England und Schwägerin von Ludwig XIV, schlicht „Madame“ genannt, lebte am französischen Hof. Ludwig gefiel sie nebst anderen Damen und kokettierte gerne mit ihr. Der König schickte ihr nette Gedichte, sie antwortete. Skurril ist der Umstand, dass der König den Marquis de Dangeau mit dem Abfassen der Briefe betraute, und die Prinzessin ebenfalls diesen de Dangeau mit der Antwort beauftragte, ohne dass beide wussten, dass dieselbe Person ihre Zeilen geschrieben hatte. (Voltaire, Le siècle de Louis XIV, Éditions Gallimard, 1957, S.904) De Dangeau dachte sich wohl mit Zuckmayer: Als wär’s ein Stück von mir.

Sonntag, 11. November 2012

Ist doch logisch ...

In Iran zerfällt der Wert der Landeswährung Rial in galoppierendem Tempo. Was tun, fragen sich die politischen Hardliner. Es liegt auf der Hand: die Einfuhr einschränken. In erster Linie jene der teuren Güter. Waffen etwa, auch Uran oder Spitzentechnologie für die Herstellung von Atombomben. Nein doch, dem wollen Mohammeds Getreue nicht entsagen. Also sollen es die Luxusgüter sein. Das Volk mag etwa auf Autos, auf Laptops, Uhren, Mobiltelefone, Kaffee und – hört, hört – auf Toilettenpapier verzichten! (vgl. Neue Zürcher Zeitung, 9. 11. 2012, S. 2) Ich habe mich gefragt, warum Toilettenpapier unter die Luxusgüter fällt? Dann kam mir die Erleuchtung. Warum in aller Welt sollten Menschen die Notdurft verrichten, wenn sie schon nichts zu essen haben?

Donnerstag, 25. Oktober 2012

La clef des champs

Wir schauen durch das Fenster und erblicken eine Wiese, eine Baumgruppe und Sträucher. Was gibt es Gewöhnlicheres? Eine alltägliche Wahrnehmung. Plötzlich kommt ein Stein zu fliegen und zertrümmert die Fensterscheibe. Die Scherben fallen zu Boden, doch etwas Befremdendes geschieht: Wiese, Bäume und Sträucher bleiben am Glas haften. Sahen wir nicht die Natur hinter dem Fenster, sondern ein naturgetreu gemaltes Bild? Nein, denn durch die Öffnung bietet sich unserem Blick das gleiche Bild wie vorher: eine Wiese, eine Baumgruppe und Sträucher. Es sei denn, dass auch diese Landschaft auf eine Scheibe, eine zweite also, gemalt ist. Wie viele Schichten gibt es dann? Und wie sieht das wirkliche Bild dahinter aus? Die reale Welt? Oder ist unsere Erkenntnis eine Illusion? Die Wirklichkeit? Was ist sie eigentlich? Wir meinen, sie wahrzunehmen, erliegen aber einer Täuschung. Die Hirnforschung hat es aufgezeigt: die Bilder von der Aussenwelt treten als Reize durch unsere Sinne in unser Bewusstsein und werden durch unser Gehirn produziert. Thomas von Aquin meinte: quidquid recipitur, ad modum recipientis reciptur, was wahrgenommen wird, wird gemäss der Bedingungen des Wahrnehmenden erfasst. „Das Ding an sich“ ist uns nicht zugänglich, meinte Kant. Wir sind, wie eine Fliege auf der Fensterscheibe: wir sehen nach aussen, möchten dorthin, verstehen aber nicht, warum wir es nicht schaffen. Etwas hindert uns daran, dorthin zu gelangen. Was? Die Scheibe eben. Doch diese sehen wir nicht, denn sie ist durchsichtig. Das Bild hat übrigens René Magritte gemalt.

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Die drei Schwestern

Enyo, Pemphredo und Deino, oh, ihr Töchter des Phorkys, wie seid ihr uns Menschen so ähnlich, ihr „Alten Frauen des Meeres“. Ein Zahn nur für die drei und ein einzges Auge, welch trauriges Los! Will die eine sehen, bleibt die zweite blind und die dritte, geniesst die erste, darben die Schwestern. So geht es uns allen: die Schau des einen bleibt allen verschleiert, kommt das Glück zu dir, so brach es deinem Bruder die Treue.

Sonntag, 30. September 2012

Eselei

Unterwegs aus Italien in die Schweiz. An der Grenze am Splügenpass wird ein Ehepaar angehalten. Keine Italiener, die ihr Geld in die Schweiz schmuggeln, sondern ein biederes deutsches Ehepaar. Was haben sie zum Verzollen? Nichts, heisst die Antwort. Doch dann geschieht es: ein "Iaaah" verrät die Reisenden. Die Zöllner runzeln die Stirne und wollen den Kofferraum genauer anschauen. Und was finden sie dort? Einen Esel! Warum haben sie dies getan? Die Ausreden sind lächerlich: man wollte dem Tier die 10-stündige Reise in einem Anhänger ersparen, die Papiere seien so schwierig zu besorgen usw. (vgl. Corriere del Ticino, 28. September 2012, S. 10) Die Rechtfertigungen wurden nicht akzeptiert. Das Tier wurde beschlagnahmt, eine hohe Busse wurde ausgesprochen. Eigenartig: warum darf ein Esel nicht im Kofferraum reisen, wenn doch so viele Esel am Steuer sitzen?

Montag, 23. Juli 2012

Wie kreativ!

Bis vor kurzem hatte ich nie etwas von Jeanette Maxwell gehört. Bis zum 13. März 2012, um genau zu sein. An jenem Tag aber wurde mir plötzlich bewusst, was ich bis dahin verpasst hatte. Ich las im „Corriere del Ticino“ eine verblüffende Überschrift: „Schafschur als olympische Disziplin?“ Ich rieb mir die Augen. War es ein verfrühter Aprilscherz? Nein doch. Mein Interesse war geweckt. Der Verband neuseeländischer Bauern und Tierzüchter hat durch die Stimme seiner Präsidentin verlangt, Schafschur möge in die Liste der olympischen Sportarten aufgenommen werden. Großartig! Diese spannende und begeisternde Disziplin könnte für Millionen von Menschen zu einer neuen Leidenschaft werden. Warum also nicht für die Olympiade zulassen? Vielleicht zusammen mit Fingernägelschneiden und Pickelausdrücken.